Wirtschaft & Politik
Der Platzherr von Borussia Dortmund
11.07.2012 - 07:36 | Quelle: manager-magazin.de Exklusiv-Artikel
Von Dietmar Student
Erst sieben Jahre ist die Fastpleite von Borussia Dortmund her, inzwischen ist der Verein zweifacher Deutscher Meister und Pokalsieger. Vor allem aber präsentiert BVB-Manager Hans-Joachim Watzke Rekordumsätze. Ist Watzke besser als Uli Hoeneß?
Hamburg - Fußball ist ja ein Sport mit einfachen Verhaltensregeln. Immer eng am Mann bleiben, rechtzeitig den Ballführenden angreifen, hinten dicht und vorn eins mehr - solche Trainerweisheiten eben. Nicht zu vergessen das richtige Timing, etwa wenn der Stürmer nach einer Flanke zum Kopfball hochsteigt. Aber auch, wenn einer etwas öffentlich sagt, sodass alle mithören dürfen respektive müssen.
Und so reden wir an diesem sonnigen Mai-Tag mit Hans-Joachim Watzke (52), dem Vorsitzenden der Geschäftsführung (vulgo: Chef) von Borussia Dortmund , im fünften Stock der Geschäftsstelle, einem zweckdienlichen Klinkerbau: über die Ukraine, über blau-gelb statt schwarz-gelb, über Timoschenko statt Lewandowski. Warum? Weil er schon Mitte März angesprochen hat, was zwischenzeitlich als "EM-Boykott" an den Frühstückstischen der Nation brötchentäglich debattiert wurde. "Die Leute regen sich auf, wenn Eichelhäher beim Brüten gestört werden. Aber es gibt kaum Proteste gegen das, was Timoschenko widerfährt." Das waren die Worte des Sauerländers gegenüber der "Welt" und der Weltgemeinschaft.
Der Mann ist ein politischer Kopf, seit 1975 (mit 16 Jahren) CDU-Mitglied, und sieht auch so aus: gut gescheitelt, anthrazitfarbener Anzug, graues Hemd. Er mag dunkle Farben und wirkt so smart, als wäre er der ältere Bruder des Nationalmannschaftsmanagers Oliver Bierhoff (44) oder der Regionalleiter Westfalen der Raiffeisenbank.
Watzke will vornweggehen, nicht einer Welle hinterherschwimmen, sportlich und auch sonst. Deshalb, sagt er, würde er sich heute nicht mehr zur Ukraine äußern, "wo das doch schon zig andere getan haben".
So etwas lernt man in der Politik und im Fußballgeschäft: Es kommt immer darauf an, wann man etwas sagt, sonst ist die mediale Großchance perdu. Keiner beherrscht dieses Spiel besser als FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß (60), das Role Model des erfolgreichen und wortmächtigen Fußballverantwortlichen.
Außer vielleicht der Herr Watzke.
Seitdem Borussia Dortmund nun schon zum zweiten Mal hintereinander Deutscher Fußballmeister geworden ist, den großen FC Bayern fünfmal in Folge besiegt hat, wird das nationale Bundesliga-Geschehen fürderhin auf einen Zweikampf reduziert.
Was unweigerlich zu der Frage führt: Ist Hans-Joachim Watzke, der Mann, der den ökonomischen Wiederaufstieg in Dortmund schaffte, der neue Uli Hoeneß? Eine trockene, biedere, schlanke Variante - ein Hoeneß 2:0?
Zockerei und Größenwahn - bis Watzke kam
Jetzt ist erst einmal die Saison vorbei: Meisterschaft, Pokal, Partys und Autokorso inklusive (im Bedarfsfall hat Watzke einen kleinen Vorrat Aspirin in seinem Dienstwagen). Die tabellenstandesgemäßen Glückwünsche der abgehängten Konkurrenten: Hoeneß (Uli) und Tönnies (Margit) - ihr Mann, der Schalke-Oberaufseher (Clemens), habe Watzke nicht erreichen können. Tja, die Funklöcher.
Sei's drum, er kann eh nicht schwelgen in Glückseligkeit. Er sei eher "der gedämpfte Typ", bei dem nach dem Erfolg die Anspannung einfach nicht abfällt. Jürgen Klopp (44), der Trainer, und Michael Zorc (49), der Manager, verstünden das nicht. Dass er bei seinen TV-Auftritten nach der Meisterschaft immer so zerknirscht dreinschaute. "Ich kann nicht wirklich gut genießen", sagt er.
Man weiß ja nie, was noch so alles passiert. Der Vater, der in Bochum Maurer gelernt hatte, war ein notorischer Optimist; bei der Mutter, einer sauerländischen Bauerstochter, war es gerad' andersherum. Im Gemüt des Sohnes Hans-Joachim (genannt: "Aki"), so scheint es, setzen sich meist die Muttergene durch.
Längst arbeitet Watzke an der nächsten Saison, die der BVB mit dem Spiel gegen Werder Bremen eröffnen wird. Am 25. Mai wird Watzke dem Aufsichtsrat seinen Haushaltsplan vorstellen. Prächtige Zahlen wird der enthalten, Rekordumsätze voraussichtlich. "Unfassbar" (eines seiner Lieblingswörter) würde er das nennen. Weil er die rote Bilanzerde noch gut erinnert. Sieben Jahre erst ist die Fastpleite her, nachdem die frühere Vereinsführung um Präsident Gerd Niebaum (63) und Manager Michael Meier (62) mit einer Mischung aus Zockerei und Größenwahn den Klub heruntergewirtschaftet hatte.
Dann kam Watzke.
Schatzmeister des eingetragenen Vereins war er schon seit 2001, zuständig für Tischtennis, Damenhandball und derlei Gedöns. In die Geschäftsführung der Fußballabteilung hatte er nur Einblick als Beiratsmitglied. Frühzeitig gewarnt habe er ("Ist alles protokolliert"). Doch keiner wollte auf ihn hören, den mittelständischen Unternehmer, dem die Watex GmbH für Schutzbekleidung im sauerländischen Marsberg gehört. So sei ihm nur die Oppositionsrolle geblieben.
Bis ihn der neue Präsident Reinhard Rauball (65) Anfang 2005 anrief. Der BVB stehe kurz vor dem Ruin: "Entweder du schaffst das oder bringst es mit Anstand zu Ende", habe der ihm bedeutet. Rauball sagt heute, er habe Watzke als Ersten gefragt, "weil der eine gestandene Unternehmerpersönlichkeit war: mit strategischen Fähigkeiten und Weitsicht".
Dienstags trat Watzke an. Zusammen mit dem sanierungserfahrenen Wirtschaftsprüfer Jochen Rölfs (63) ging er bis Mittwoch über die Bücher. Ergebnis: 122 Millionen Euro Schulden, davon waren 80 bis 90 Millionen sofort fällig. Es musste schnell gehen, ab Montag, daran ließ Rölfs keinen Zweifel, befände sich Watzke "im Bereich der Insolvenzverschleppung". Bis Donnerstag musste die Börse informiert werden (die BVB-Aktie notiert seit 2000 am Kapitalmarkt). Für Freitag wurden die Gläubiger nach Dortmund geladen; die sollten dem Verein eine Gnadenfrist einräumen.
Um 11 Uhr war der Saal randvoll, die Stimmung aufgeheizt wie im Kabinengang nach einem unberechtigten Elfmeter. Watzke und Rölfs hatten jedoch ein schlagendes Argument auf ihrer Seite: Es war keine Masse vorhanden. Alle Immobilien, das Stadion inklusive, waren bereits verkauft. Und die Mobilien, also die Spieler, hätten im Insolvenzfall ablösefrei gehen können. Vieraugengespräche wurden geführt. "Rölfs konnte mit seiner tiefen Stimme die Leute beruhigen, mich kannte ja damals noch keiner", erinnert sich Watzke. Lokale Banken schwenkten als Erste um und überzeugten andere. Schließlich hatten alle unterschrieben und dem Verein eine Tilgungsfrist von einem Jahr gewährt.
Showdown am Flughafen Düsseldorf
Alle, bis auf einen. Der CommerzbankFonds Molsiris, dem man die Stadionmiete schuldete (20 bis 30 Millionen Euro), hatte Ladungsfristen von mehreren Wochen. Am 14. März kam es am Düsseldorfer Flughafen zum Showdown (Watzke: "der schwierigste Tag der Vereinsgeschichte"). 75 Prozent der Fondszeichner mussten zustimmen, sonst hätte er tags darauf doch noch zum Insolvenzrichter gehen müssen - 94 Prozent gaben ihr Okay.
Der Gläubigerausschuss machte Watzke das Wirtschaften nicht leicht. Fast jeden Euro musste er sich absegnen lassen. Immer die Gefahr vor Augen, dass jeder Gläubiger das Recht hatte, an jedem Tag des Jahres die Vereinbarung zu kündigen: "Ich war in deren Hand."
Bis ihm die Idee mit Morgan Stanley kam. Die Investmentbank war ihm einen Gefallen schuldig. Sie hatte einen Watex-Lieferanten gekauft und Watzke gebeten, die Geschäftsbeziehung weiterhin aufrechtzuerhalten. Ob sie sich, schlug Watzke vor, den BVB nicht mal angucken wollten. Die prüften 14 Tage und kamen zu dem Schluss: 15 bis 20 Millionen Euro Mehrerlös müssten her, sonst sei der Verein nicht lebensfähig.
Erst lief es gut, und dann kam auch noch Glück hinzu. "Unfassbares Glück", wie Watzke sich beeilt hinzuzufügen. Die Bundesliga schloss einen neuen, lukrativeren Fernsehvertrag ab; Watzke konnte die Namensrechte am Stadion an den Versicherer Signal Iduna losschlagen und - nach dem Ausstieg von Eon - einen neuen Hauptsponsor gewinnen: den Essener Konzern Evonik.
Morgan Stanley kaufte die Gläubiger heraus, wandelte Fremd- in Eigenkapital um, lieh dem Verein Geld, damit dieser das Stadion zurückerwerben konnte. Und Watzke kloppte Kosten, wo es nur ging: Allein 33 Millionen Euro sparte er am Mannschaftsbudget. Es gelang, die Aktionäre vom Sanierungskurs zu überzeugen und via Kapitalerhöhungen 64 Millionen Euro einzusammeln. Ende 2006 war die Existenz gesichert.
Die Zeit schien reif, um etwas für die Offensive zu tun. Schließlich galt Watzke in seiner aktiven Balltreterzeit beim SV Rot-Weiß Erlinghausen (ein Ortsteil von Marsberg) als - wenn auch lauffauler - Mittelfeldstratege. Er sieht sich selbst als "klassischen Zehner", was irgendwie netter klingt als "Wolfgang Overath für Einkommensschwache" (Klopp-Spott).
Der BVB-Boss reformierte die Organisation, schuf eine zweite Führungsebene mit fünf Direktoren, die an ihn berichten. Er holte die in Wirtschaft und Finanzen versierten Politstars Peer Steinbrück (SPD) und Friedrich Merz (CDU) in den Aufsichtsrat. Und er entwickelte zusammen mit Manager Zorc die neue sportliche Strategie: junge, hungrige Mannschaft plus hungriger Trainer (mit dem Hang zur Plautze - dazu später mehr).
Ökonomisch richtet sich alles nach ihm aus, sportliche Entscheidungen (wie Transfers) trifft das Trio Klopp-Watzke-Zorc gemeinsam - einstimmig. "Ohne Watzke wäre der BVB nicht dort, wo er steht", lobt ihn Evonik-Chef Klaus Engel (56). Er sei "solide, seriös, verlässlich".
Watzke weiß, was er geleistet hat. Er pflegt zwar das unvermeidliche, von Franz Beckenbauer zur lingualen Meisterschaft entwickelte Fußballer-Du ("du brauchst ... du kannst"), vergisst dabei aber nicht das "ich", wenn es auch sauerländisch beiläufig intoniert wird. Seine Stärke sei, sagt er: "Ich kann gut Menschen zusammenführen."
Herr Watzke, waren Sie der entscheidende Mann der Sanierung? "Das ist so." Er liefert gern ein paar Belege. Als er antrat, erzielte der BVB 97 Millionen Euro Jahresumsatz. Jetzt "kratzen wir" an der 200-Millionen-Marke. Das zischt er so scharf herüber, dass man mindestens ein Triple-Z zu hören glaubt. 150 Millionen Euro Schulden wurden abgebaut. Der Spielerkader steht mit 21 Millionen Euro in der Bilanz, Transferexperten schätzen seinen Wert auf 191 Millionen Euro.
Fehler? Keine, "bis auf Kleinigkeiten". Soll er etwa welche erfinden, nur damit er vermeintlich menschlicher wirkt? Nö. Sogar mit Meier und Niebaum sieht er sich im Reinen. Keine schmutzige Wäsche, vor persönlicher Haftung habe er sie immer geschützt (gegen massiven Druck aus dem Aktionärskreis), beide haben noch BVB-Ehrenkarten.
Auch Meier möchte nicht nachtreten: "Die herausragende Leistung von Achim Watzke muss man anerkennen", sagt er.
Ein Selfmademan aus der Provinz
Watzkes Selbstwertgefühl speist sich aus dem, was er schon alles beim BVB in verantwortlicher Funktion durchgestanden hat. Und aus seiner Selfmademan-Vergangenheit in der Provinz. Er gab einen gut dotierten Job als Vizechef eines Textilunternehmens auf und gründete 1990 seine eigene Firma ("Ich bin kein guter Zweiter"); in einem pleitegegangenen Sägewerk mit einem Mitarbeiter, einer Halbtagskraft und einem Gabelstapler.
Heute residiert das Unternehmen in einem Gewerbegebiet an der Bundesstraße nach Brilon. Eine Idylle, der man das geschäftige Treiben nicht ansieht. Vor einem unscheinbaren grauen Flachbauensemble stehen Nadelbäume auf einer Lichtung, der Rasen frisch rasiert, drei Werbeflaggen flattern im Wind ("Watex - mit Sicherheit anziehend").
Der BVB ist auch hier allgegenwärtig. Ein Wimpel auf der Bar im Besprechungsraum, vier Flaschen 2002er-Meistersekt, eine Sportstudio-Collage über den Ex-BVB-Spieler Andreas Möller, mit Widmung ("für Aki - herzlichst").
Mittlerweile setzt Watex, deren Alleingesellschafter er ist, mit 240 Mitarbeitern rund 20 Millionen Euro im Jahr um. Aber nur, falls ein entsprechendes Sauwetter vorherrscht, so masochistisch kann ein Geschäftsmodell im Sauerland gebaut sein: Arbeitsschutzausrüstung lässt sich im sonnigen Frühjahr oder Herbst schwer verkaufen.
Den permanenten Kampf um das wirtschaftliche Überleben hat er hier trainiert. Wer in Deutschland Geld mit Textilien verdienen will, muss stets auf der Suche sein nach niedrigen Lohnkosten. So ließ er erst in Griechenland fertigen; als dort nach dem EU-Beitritt die Gehälter stiegen, verlegte er die Näherei ratzfatz über die Grenze nach Albanien.
Seine Frau Annette gehört zur Geschäftsführung, sein 18-jähriger Sohn schnuppert rein. Der Vater ist höchstens noch viermal im Jahr im Betrieb, steuert über die Zahlen und fühlte sich in seiner Standortwahl jüngst bestärkt, als er einen Hotelbeleg aus Albanien sah: sechs Euro pro Nacht inklusive Frühstück.
Man sieht ihm die Mühsal des Erfolgs an. Und er selbst sich auch. Krähenfüße, Stirnfalten, auf denen sich eine Bergetappe der Tour de France nachfahren ließe. "Der normale Alterungsprozess ist nicht so rapide wie bei mir", findet er. Er leidet körperlich unter dem Druck der 90 Minuten, von denen so viel abhängt. Empfindet "ein Gefühl der Ohnmacht". Nichts ist schwieriger zu akzeptieren für einen Platzherrn wie Watzke, der gern alles unter Kontrolle behält.
Eitel genug ist er, um auf sich und sein Erscheinungsbild zu achten. "Unfassbar oft" sei er mittlerweile im Fernsehen, zuletzt sogar bei Maybrit Illner. "Wenn du an der Spitze von Borussia Dortmund stehst und es kennt dich kein Schwein", weiß Watzke, "das ist auch nicht gut." Aber es wird ihm zu viel; zwei Talkshowbesuche hat er gerade erst abgesagt.
In der BVB-Prominentenmannschaft spielt er nicht mehr. "Dazu habe ich einen zu hohen Anspruch an mich." So joggt er jetzt zwei- bis dreimal die Woche ("Ich hasse das"), um die Figur zu halten. Trinkt ab und an trockenen Weißwein, knipst Süßstoff in den Kaffee, wenig Kohlehydrate. Und stellt dem Trainer schon mal einen Ernährungsplan auf, wenn sich bei Jürgen Klopp das T-Shirt zu arg spannt. Woraufhin der mit einem XXL-Salatteller vom Büfett zurückkommt, fingerdick mit fettiger Sauce überzogen: "Chef, ich mach' jetzt Diät."
Er wirkt bisweilen anmaßend. Wenn er sich tief in den Stuhl sinken lässt, die Beine gespreizt, die Daumen hinter dem Gürtel. Seine TV-Auftritte sind manchmal von einer Reserviertheit, die ins Überhebliche gleitet. Sodass sich selbst Watzke-Anhänger hinterher wundern: "Das kam schon arrogant 'rüber".
Er hat ein gönnerhaftes Über-die-volle-Breite-des-Gesichts-Grinsen, inhaltlich oft begleitet von Understatement ("Wir haben nur 57 Millionen Euro Personalkosten"), das einen cholerisch Veranlagten wie Hoeneß schon mal zur Weißwurstglut treiben kann: "Watzke erzählt Märchen!" Der nennt seine Zahlenspiele "reinen Realismus".
Zum Realen gehört auch, dass er sich gern mal mit den Großen anlegt. Vor allem die finanzkräftigen Mäzene und Konzerne, die Millionen in ihre Klubs pumpten und zu starken Einfluss nähmen, sind seine natürlichen Fressfeinde. Wie der VfL Wolfsburg. Als Watzke die VW-Tochter Seat als Sponsor köderte, war man am Konzernsitz wenig amüsiert. Schon mehrfach hatte Volkswagen ein Seat-Engagement bei Konkurrenzvereinen verhindert, sogar Vertragsstrafen in Kauf genommen. Bei Dortmund hielt der Autogigant still. Auffällig allerdings: Der damalige Seat-Marketingchef für Deutschland musste gehen.
Watzke und Hopp werden keine engen Freunde mehr
Auch Hoffenheim-Erfinder Dietmar Hopp (72) und Watzke werden in diesem Fußballerleben keine engen Freunde mehr. Watzke will die TV-Gelder nicht nur nach sportlichem Erfolg, sondern auch nach Markenstärke verteilt wissen; Wolfsburg oder Hoffenheim wären die Verlierer. Watzke, sagt Hopp, sei eine der "schillerndsten Gestalten" im deutschen Profifußball und habe sich mit seiner Arbeit in Dortmund "eine Art Denkmal" geschaffen; bei allem Erfolg sollte er aber auch "die Verpflichtung sehen, den kleineren Konkurrenten den nötigen Respekt zu erweisen".
Besteht bei ihm die Gefahr des Größenwahns? Wiederholt sich am Ende die schwarz-gelbe Geschichte? Solange er Verantwortung trage, sagt Watzke, sei die Wahrscheinlichkeit exakt - noch eines seiner Lieblingswörter - "nullkommanull". Was Vertraute bestätigen: "Aki ist dazu mental gar nicht in der Lage." Oder habe man schon mal einen Größenwahnsinnigen gesehen, der als Dienstwagen eine b-r-a-u-n-e S-Klasse fährt?
Er hat nun mal einen konservativen Charakter. Er wusste: Wenn er im Sauerland etwas bewegen will, muss er in die CDU. Sein bester Parteikumpel war Friedrich Merz, aus der Nachbarstadt Brilon. Die beiden bildeten eine gut funktionierende Junge-Union-Seilschaft. Immer wenn der vier Jahre ältere Merz einen Posten freimachte, setzte sich Watzke drauf.
Mit 24 stand er vor der Wahl: Parteikarriere oder Geld verdienen - er legte alle Ämter nieder. Sein Netzwerk in die NRW-Politik ist aber nach wie vor dicht, ein politischer Mensch ist er geblieben.
Was bleibt jetzt noch zu tun für ihn? Der BVB ist kerngesund, Watex blüht.
Er muss die Entwicklung des Vereins verstetigen. Das heißt: mindestens noch zwei Spielzeiten Champions League (Minimum: Achtelfinale). Dann, hoffen BVB-Aufseher, sei die Feuerkraft ausreichend, um die Bayern anzugreifen. Noch trennen beide 150 Millionen Euro Umsatz.
Ja, es könnte einmal so laufen wie zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Ein Bundesliga-Duopol. Mal gewinnt der eine, mal der andere.
Bis 2016, dann endet sein Vertrag, kann Watzke alles lenken. Dafür bekam er im vergangenen Geschäftsjahr 1,3 Millionen Euro, 590.000 erfolgsabhängig. Und danach? Gibt es für ihn ein Leben jenseits von Borussia Dortmund?
Falls er nicht mehr will, weil der Druck zu hoch geworden ist, dann möchte er seinen Sohn bei Watex als Nachfolger einarbeiten. Er hat auch schon exakte Vorstellungen von Mannschaftsaufstellung und Einsatzzeiten. Der Junge macht in zwei Jahren Abitur, es folgt ein Studium, mit 25 bis 27 wird er eingewechselt, muss bis 30 allein laufen. So lange steht ihm der Vater noch - als Abräumer - zur Seite: "Ich musste auch mit 30 auf eigenen Füßen stehen." Anschließend, verspricht Watzke, betrete er die Firma "nur noch auf ausdrücklichen Wunsch".
Mal abwarten. Ist noch ein bisschen Zeit. Bis 2016 könnte der BVB noch viermal Deutscher Meister werden.
Er blickt aus seinem Büro in der Geschäftsstelle. Die B 1, eine lärmende, viel befahrene Schnellstraße, trennt den Bau vom Sportgelände. Die Sonne scheint, vor dem Fenster wachsen mächtige Platanen in den Himmel. "Schade", sagt Watzke, "im Winter, wenn alles kahl ist, kann man das Stadion viel besser sehen."
Quelle: manager-magazin
http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,841720,00.html
Erst sieben Jahre ist die Fastpleite von Borussia Dortmund her, inzwischen ist der Verein zweifacher Deutscher Meister und Pokalsieger. Vor allem aber präsentiert BVB-Manager Hans-Joachim Watzke Rekordumsätze. Ist Watzke besser als Uli Hoeneß?
Und so reden wir an diesem sonnigen Mai-Tag mit Hans-Joachim Watzke (52), dem Vorsitzenden der Geschäftsführung (vulgo: Chef) von Borussia Dortmund , im fünften Stock der Geschäftsstelle, einem zweckdienlichen Klinkerbau: über die Ukraine, über blau-gelb statt schwarz-gelb, über Timoschenko statt Lewandowski. Warum? Weil er schon Mitte März angesprochen hat, was zwischenzeitlich als "EM-Boykott" an den Frühstückstischen der Nation brötchentäglich debattiert wurde. "Die Leute regen sich auf, wenn Eichelhäher beim Brüten gestört werden. Aber es gibt kaum Proteste gegen das, was Timoschenko widerfährt." Das waren die Worte des Sauerländers gegenüber der "Welt" und der Weltgemeinschaft.
Der Mann ist ein politischer Kopf, seit 1975 (mit 16 Jahren) CDU-Mitglied, und sieht auch so aus: gut gescheitelt, anthrazitfarbener Anzug, graues Hemd. Er mag dunkle Farben und wirkt so smart, als wäre er der ältere Bruder des Nationalmannschaftsmanagers Oliver Bierhoff (44) oder der Regionalleiter Westfalen der Raiffeisenbank.
So etwas lernt man in der Politik und im Fußballgeschäft: Es kommt immer darauf an, wann man etwas sagt, sonst ist die mediale Großchance perdu. Keiner beherrscht dieses Spiel besser als FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß (60), das Role Model des erfolgreichen und wortmächtigen Fußballverantwortlichen.
Außer vielleicht der Herr Watzke.
Seitdem Borussia Dortmund nun schon zum zweiten Mal hintereinander Deutscher Fußballmeister geworden ist, den großen FC Bayern fünfmal in Folge besiegt hat, wird das nationale Bundesliga-Geschehen fürderhin auf einen Zweikampf reduziert.
Was unweigerlich zu der Frage führt: Ist Hans-Joachim Watzke, der Mann, der den ökonomischen Wiederaufstieg in Dortmund schaffte, der neue Uli Hoeneß? Eine trockene, biedere, schlanke Variante - ein Hoeneß 2:0?
Zockerei und Größenwahn - bis Watzke kam
Jetzt ist erst einmal die Saison vorbei: Meisterschaft, Pokal, Partys und Autokorso inklusive (im Bedarfsfall hat Watzke einen kleinen Vorrat Aspirin in seinem Dienstwagen). Die tabellenstandesgemäßen Glückwünsche der abgehängten Konkurrenten: Hoeneß (Uli) und Tönnies (Margit) - ihr Mann, der Schalke-Oberaufseher (Clemens), habe Watzke nicht erreichen können. Tja, die Funklöcher.
Sei's drum, er kann eh nicht schwelgen in Glückseligkeit. Er sei eher "der gedämpfte Typ", bei dem nach dem Erfolg die Anspannung einfach nicht abfällt. Jürgen Klopp (44), der Trainer, und Michael Zorc (49), der Manager, verstünden das nicht. Dass er bei seinen TV-Auftritten nach der Meisterschaft immer so zerknirscht dreinschaute. "Ich kann nicht wirklich gut genießen", sagt er.
Man weiß ja nie, was noch so alles passiert. Der Vater, der in Bochum Maurer gelernt hatte, war ein notorischer Optimist; bei der Mutter, einer sauerländischen Bauerstochter, war es gerad' andersherum. Im Gemüt des Sohnes Hans-Joachim (genannt: "Aki"), so scheint es, setzen sich meist die Muttergene durch.
Längst arbeitet Watzke an der nächsten Saison, die der BVB mit dem Spiel gegen Werder Bremen eröffnen wird. Am 25. Mai wird Watzke dem Aufsichtsrat seinen Haushaltsplan vorstellen. Prächtige Zahlen wird der enthalten, Rekordumsätze voraussichtlich. "Unfassbar" (eines seiner Lieblingswörter) würde er das nennen. Weil er die rote Bilanzerde noch gut erinnert. Sieben Jahre erst ist die Fastpleite her, nachdem die frühere Vereinsführung um Präsident Gerd Niebaum (63) und Manager Michael Meier (62) mit einer Mischung aus Zockerei und Größenwahn den Klub heruntergewirtschaftet hatte.
Dann kam Watzke.
Schatzmeister des eingetragenen Vereins war er schon seit 2001, zuständig für Tischtennis, Damenhandball und derlei Gedöns. In die Geschäftsführung der Fußballabteilung hatte er nur Einblick als Beiratsmitglied. Frühzeitig gewarnt habe er ("Ist alles protokolliert"). Doch keiner wollte auf ihn hören, den mittelständischen Unternehmer, dem die Watex GmbH für Schutzbekleidung im sauerländischen Marsberg gehört. So sei ihm nur die Oppositionsrolle geblieben.
Bis ihn der neue Präsident Reinhard Rauball (65) Anfang 2005 anrief. Der BVB stehe kurz vor dem Ruin: "Entweder du schaffst das oder bringst es mit Anstand zu Ende", habe der ihm bedeutet. Rauball sagt heute, er habe Watzke als Ersten gefragt, "weil der eine gestandene Unternehmerpersönlichkeit war: mit strategischen Fähigkeiten und Weitsicht".
Dienstags trat Watzke an. Zusammen mit dem sanierungserfahrenen Wirtschaftsprüfer Jochen Rölfs (63) ging er bis Mittwoch über die Bücher. Ergebnis: 122 Millionen Euro Schulden, davon waren 80 bis 90 Millionen sofort fällig. Es musste schnell gehen, ab Montag, daran ließ Rölfs keinen Zweifel, befände sich Watzke "im Bereich der Insolvenzverschleppung". Bis Donnerstag musste die Börse informiert werden (die BVB-Aktie notiert seit 2000 am Kapitalmarkt). Für Freitag wurden die Gläubiger nach Dortmund geladen; die sollten dem Verein eine Gnadenfrist einräumen.
Um 11 Uhr war der Saal randvoll, die Stimmung aufgeheizt wie im Kabinengang nach einem unberechtigten Elfmeter. Watzke und Rölfs hatten jedoch ein schlagendes Argument auf ihrer Seite: Es war keine Masse vorhanden. Alle Immobilien, das Stadion inklusive, waren bereits verkauft. Und die Mobilien, also die Spieler, hätten im Insolvenzfall ablösefrei gehen können. Vieraugengespräche wurden geführt. "Rölfs konnte mit seiner tiefen Stimme die Leute beruhigen, mich kannte ja damals noch keiner", erinnert sich Watzke. Lokale Banken schwenkten als Erste um und überzeugten andere. Schließlich hatten alle unterschrieben und dem Verein eine Tilgungsfrist von einem Jahr gewährt.
Showdown am Flughafen Düsseldorf
Alle, bis auf einen. Der CommerzbankFonds Molsiris, dem man die Stadionmiete schuldete (20 bis 30 Millionen Euro), hatte Ladungsfristen von mehreren Wochen. Am 14. März kam es am Düsseldorfer Flughafen zum Showdown (Watzke: "der schwierigste Tag der Vereinsgeschichte"). 75 Prozent der Fondszeichner mussten zustimmen, sonst hätte er tags darauf doch noch zum Insolvenzrichter gehen müssen - 94 Prozent gaben ihr Okay.
Der Gläubigerausschuss machte Watzke das Wirtschaften nicht leicht. Fast jeden Euro musste er sich absegnen lassen. Immer die Gefahr vor Augen, dass jeder Gläubiger das Recht hatte, an jedem Tag des Jahres die Vereinbarung zu kündigen: "Ich war in deren Hand."
Bis ihm die Idee mit Morgan Stanley kam. Die Investmentbank war ihm einen Gefallen schuldig. Sie hatte einen Watex-Lieferanten gekauft und Watzke gebeten, die Geschäftsbeziehung weiterhin aufrechtzuerhalten. Ob sie sich, schlug Watzke vor, den BVB nicht mal angucken wollten. Die prüften 14 Tage und kamen zu dem Schluss: 15 bis 20 Millionen Euro Mehrerlös müssten her, sonst sei der Verein nicht lebensfähig.
Erst lief es gut, und dann kam auch noch Glück hinzu. "Unfassbares Glück", wie Watzke sich beeilt hinzuzufügen. Die Bundesliga schloss einen neuen, lukrativeren Fernsehvertrag ab; Watzke konnte die Namensrechte am Stadion an den Versicherer Signal Iduna losschlagen und - nach dem Ausstieg von Eon - einen neuen Hauptsponsor gewinnen: den Essener Konzern Evonik.
Morgan Stanley kaufte die Gläubiger heraus, wandelte Fremd- in Eigenkapital um, lieh dem Verein Geld, damit dieser das Stadion zurückerwerben konnte. Und Watzke kloppte Kosten, wo es nur ging: Allein 33 Millionen Euro sparte er am Mannschaftsbudget. Es gelang, die Aktionäre vom Sanierungskurs zu überzeugen und via Kapitalerhöhungen 64 Millionen Euro einzusammeln. Ende 2006 war die Existenz gesichert.
Die Zeit schien reif, um etwas für die Offensive zu tun. Schließlich galt Watzke in seiner aktiven Balltreterzeit beim SV Rot-Weiß Erlinghausen (ein Ortsteil von Marsberg) als - wenn auch lauffauler - Mittelfeldstratege. Er sieht sich selbst als "klassischen Zehner", was irgendwie netter klingt als "Wolfgang Overath für Einkommensschwache" (Klopp-Spott).
Der BVB-Boss reformierte die Organisation, schuf eine zweite Führungsebene mit fünf Direktoren, die an ihn berichten. Er holte die in Wirtschaft und Finanzen versierten Politstars Peer Steinbrück (SPD) und Friedrich Merz (CDU) in den Aufsichtsrat. Und er entwickelte zusammen mit Manager Zorc die neue sportliche Strategie: junge, hungrige Mannschaft plus hungriger Trainer (mit dem Hang zur Plautze - dazu später mehr).
Ökonomisch richtet sich alles nach ihm aus, sportliche Entscheidungen (wie Transfers) trifft das Trio Klopp-Watzke-Zorc gemeinsam - einstimmig. "Ohne Watzke wäre der BVB nicht dort, wo er steht", lobt ihn Evonik-Chef Klaus Engel (56). Er sei "solide, seriös, verlässlich".
Watzke weiß, was er geleistet hat. Er pflegt zwar das unvermeidliche, von Franz Beckenbauer zur lingualen Meisterschaft entwickelte Fußballer-Du ("du brauchst ... du kannst"), vergisst dabei aber nicht das "ich", wenn es auch sauerländisch beiläufig intoniert wird. Seine Stärke sei, sagt er: "Ich kann gut Menschen zusammenführen."
Herr Watzke, waren Sie der entscheidende Mann der Sanierung? "Das ist so." Er liefert gern ein paar Belege. Als er antrat, erzielte der BVB 97 Millionen Euro Jahresumsatz. Jetzt "kratzen wir" an der 200-Millionen-Marke. Das zischt er so scharf herüber, dass man mindestens ein Triple-Z zu hören glaubt. 150 Millionen Euro Schulden wurden abgebaut. Der Spielerkader steht mit 21 Millionen Euro in der Bilanz, Transferexperten schätzen seinen Wert auf 191 Millionen Euro.
Fehler? Keine, "bis auf Kleinigkeiten". Soll er etwa welche erfinden, nur damit er vermeintlich menschlicher wirkt? Nö. Sogar mit Meier und Niebaum sieht er sich im Reinen. Keine schmutzige Wäsche, vor persönlicher Haftung habe er sie immer geschützt (gegen massiven Druck aus dem Aktionärskreis), beide haben noch BVB-Ehrenkarten.
Auch Meier möchte nicht nachtreten: "Die herausragende Leistung von Achim Watzke muss man anerkennen", sagt er.
Ein Selfmademan aus der Provinz
Watzkes Selbstwertgefühl speist sich aus dem, was er schon alles beim BVB in verantwortlicher Funktion durchgestanden hat. Und aus seiner Selfmademan-Vergangenheit in der Provinz. Er gab einen gut dotierten Job als Vizechef eines Textilunternehmens auf und gründete 1990 seine eigene Firma ("Ich bin kein guter Zweiter"); in einem pleitegegangenen Sägewerk mit einem Mitarbeiter, einer Halbtagskraft und einem Gabelstapler.
Heute residiert das Unternehmen in einem Gewerbegebiet an der Bundesstraße nach Brilon. Eine Idylle, der man das geschäftige Treiben nicht ansieht. Vor einem unscheinbaren grauen Flachbauensemble stehen Nadelbäume auf einer Lichtung, der Rasen frisch rasiert, drei Werbeflaggen flattern im Wind ("Watex - mit Sicherheit anziehend").
Der BVB ist auch hier allgegenwärtig. Ein Wimpel auf der Bar im Besprechungsraum, vier Flaschen 2002er-Meistersekt, eine Sportstudio-Collage über den Ex-BVB-Spieler Andreas Möller, mit Widmung ("für Aki - herzlichst").
Mittlerweile setzt Watex, deren Alleingesellschafter er ist, mit 240 Mitarbeitern rund 20 Millionen Euro im Jahr um. Aber nur, falls ein entsprechendes Sauwetter vorherrscht, so masochistisch kann ein Geschäftsmodell im Sauerland gebaut sein: Arbeitsschutzausrüstung lässt sich im sonnigen Frühjahr oder Herbst schwer verkaufen.
Den permanenten Kampf um das wirtschaftliche Überleben hat er hier trainiert. Wer in Deutschland Geld mit Textilien verdienen will, muss stets auf der Suche sein nach niedrigen Lohnkosten. So ließ er erst in Griechenland fertigen; als dort nach dem EU-Beitritt die Gehälter stiegen, verlegte er die Näherei ratzfatz über die Grenze nach Albanien.
Seine Frau Annette gehört zur Geschäftsführung, sein 18-jähriger Sohn schnuppert rein. Der Vater ist höchstens noch viermal im Jahr im Betrieb, steuert über die Zahlen und fühlte sich in seiner Standortwahl jüngst bestärkt, als er einen Hotelbeleg aus Albanien sah: sechs Euro pro Nacht inklusive Frühstück.
Man sieht ihm die Mühsal des Erfolgs an. Und er selbst sich auch. Krähenfüße, Stirnfalten, auf denen sich eine Bergetappe der Tour de France nachfahren ließe. "Der normale Alterungsprozess ist nicht so rapide wie bei mir", findet er. Er leidet körperlich unter dem Druck der 90 Minuten, von denen so viel abhängt. Empfindet "ein Gefühl der Ohnmacht". Nichts ist schwieriger zu akzeptieren für einen Platzherrn wie Watzke, der gern alles unter Kontrolle behält.
Eitel genug ist er, um auf sich und sein Erscheinungsbild zu achten. "Unfassbar oft" sei er mittlerweile im Fernsehen, zuletzt sogar bei Maybrit Illner. "Wenn du an der Spitze von Borussia Dortmund stehst und es kennt dich kein Schwein", weiß Watzke, "das ist auch nicht gut." Aber es wird ihm zu viel; zwei Talkshowbesuche hat er gerade erst abgesagt.
In der BVB-Prominentenmannschaft spielt er nicht mehr. "Dazu habe ich einen zu hohen Anspruch an mich." So joggt er jetzt zwei- bis dreimal die Woche ("Ich hasse das"), um die Figur zu halten. Trinkt ab und an trockenen Weißwein, knipst Süßstoff in den Kaffee, wenig Kohlehydrate. Und stellt dem Trainer schon mal einen Ernährungsplan auf, wenn sich bei Jürgen Klopp das T-Shirt zu arg spannt. Woraufhin der mit einem XXL-Salatteller vom Büfett zurückkommt, fingerdick mit fettiger Sauce überzogen: "Chef, ich mach' jetzt Diät."
Er wirkt bisweilen anmaßend. Wenn er sich tief in den Stuhl sinken lässt, die Beine gespreizt, die Daumen hinter dem Gürtel. Seine TV-Auftritte sind manchmal von einer Reserviertheit, die ins Überhebliche gleitet. Sodass sich selbst Watzke-Anhänger hinterher wundern: "Das kam schon arrogant 'rüber".
Er hat ein gönnerhaftes Über-die-volle-Breite-des-Gesichts-Grinsen, inhaltlich oft begleitet von Understatement ("Wir haben nur 57 Millionen Euro Personalkosten"), das einen cholerisch Veranlagten wie Hoeneß schon mal zur Weißwurstglut treiben kann: "Watzke erzählt Märchen!" Der nennt seine Zahlenspiele "reinen Realismus".
Zum Realen gehört auch, dass er sich gern mal mit den Großen anlegt. Vor allem die finanzkräftigen Mäzene und Konzerne, die Millionen in ihre Klubs pumpten und zu starken Einfluss nähmen, sind seine natürlichen Fressfeinde. Wie der VfL Wolfsburg. Als Watzke die VW-Tochter Seat als Sponsor köderte, war man am Konzernsitz wenig amüsiert. Schon mehrfach hatte Volkswagen ein Seat-Engagement bei Konkurrenzvereinen verhindert, sogar Vertragsstrafen in Kauf genommen. Bei Dortmund hielt der Autogigant still. Auffällig allerdings: Der damalige Seat-Marketingchef für Deutschland musste gehen.
Watzke und Hopp werden keine engen Freunde mehr
Auch Hoffenheim-Erfinder Dietmar Hopp (72) und Watzke werden in diesem Fußballerleben keine engen Freunde mehr. Watzke will die TV-Gelder nicht nur nach sportlichem Erfolg, sondern auch nach Markenstärke verteilt wissen; Wolfsburg oder Hoffenheim wären die Verlierer. Watzke, sagt Hopp, sei eine der "schillerndsten Gestalten" im deutschen Profifußball und habe sich mit seiner Arbeit in Dortmund "eine Art Denkmal" geschaffen; bei allem Erfolg sollte er aber auch "die Verpflichtung sehen, den kleineren Konkurrenten den nötigen Respekt zu erweisen".
Besteht bei ihm die Gefahr des Größenwahns? Wiederholt sich am Ende die schwarz-gelbe Geschichte? Solange er Verantwortung trage, sagt Watzke, sei die Wahrscheinlichkeit exakt - noch eines seiner Lieblingswörter - "nullkommanull". Was Vertraute bestätigen: "Aki ist dazu mental gar nicht in der Lage." Oder habe man schon mal einen Größenwahnsinnigen gesehen, der als Dienstwagen eine b-r-a-u-n-e S-Klasse fährt?
Er hat nun mal einen konservativen Charakter. Er wusste: Wenn er im Sauerland etwas bewegen will, muss er in die CDU. Sein bester Parteikumpel war Friedrich Merz, aus der Nachbarstadt Brilon. Die beiden bildeten eine gut funktionierende Junge-Union-Seilschaft. Immer wenn der vier Jahre ältere Merz einen Posten freimachte, setzte sich Watzke drauf.
Mit 24 stand er vor der Wahl: Parteikarriere oder Geld verdienen - er legte alle Ämter nieder. Sein Netzwerk in die NRW-Politik ist aber nach wie vor dicht, ein politischer Mensch ist er geblieben.
Was bleibt jetzt noch zu tun für ihn? Der BVB ist kerngesund, Watex blüht.
Er muss die Entwicklung des Vereins verstetigen. Das heißt: mindestens noch zwei Spielzeiten Champions League (Minimum: Achtelfinale). Dann, hoffen BVB-Aufseher, sei die Feuerkraft ausreichend, um die Bayern anzugreifen. Noch trennen beide 150 Millionen Euro Umsatz.
Ja, es könnte einmal so laufen wie zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Ein Bundesliga-Duopol. Mal gewinnt der eine, mal der andere.
Bis 2016, dann endet sein Vertrag, kann Watzke alles lenken. Dafür bekam er im vergangenen Geschäftsjahr 1,3 Millionen Euro, 590.000 erfolgsabhängig. Und danach? Gibt es für ihn ein Leben jenseits von Borussia Dortmund?
Falls er nicht mehr will, weil der Druck zu hoch geworden ist, dann möchte er seinen Sohn bei Watex als Nachfolger einarbeiten. Er hat auch schon exakte Vorstellungen von Mannschaftsaufstellung und Einsatzzeiten. Der Junge macht in zwei Jahren Abitur, es folgt ein Studium, mit 25 bis 27 wird er eingewechselt, muss bis 30 allein laufen. So lange steht ihm der Vater noch - als Abräumer - zur Seite: "Ich musste auch mit 30 auf eigenen Füßen stehen." Anschließend, verspricht Watzke, betrete er die Firma "nur noch auf ausdrücklichen Wunsch".
Mal abwarten. Ist noch ein bisschen Zeit. Bis 2016 könnte der BVB noch viermal Deutscher Meister werden.
Er blickt aus seinem Büro in der Geschäftsstelle. Die B 1, eine lärmende, viel befahrene Schnellstraße, trennt den Bau vom Sportgelände. Die Sonne scheint, vor dem Fenster wachsen mächtige Platanen in den Himmel. "Schade", sagt Watzke, "im Winter, wenn alles kahl ist, kann man das Stadion viel besser sehen."
Quelle: manager-magazin
http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,841720,00.html






