Lifestyle
Ein Leben als Story-Board
26.04.2013 - 16:40 | Quelle: manager-magazin.de Exklusiv-Artikel
Von Gisela Maria Freisinger
Sie ist die Grande Dame der deutschen Medienwelt und schillerndes Vorbild für Helmut Dietls "Kir Royal": Anneliese Friedmann erhält heute den Henri-Nannen-Preis. manager magazin online sprach mit ihr über den Job als Zeitungs-Herausgeberin und die lästigen Linken.
mm: Herzlichen Glückwunsch zum Henri-Nannen-Preis für Ihr Lebenswerk, das wurde aber auch höchste Zeit ...
Friedmann: Ich hatte gar keine Ahnung davon, dass es diesen Preis gibt. Ohnehin halte ich gar nicht viel von Preisen.
mm: Was für ein Verhältnis hatten Sie zu Henri Nannen?
Friedmann: Er hat sich ziemlich über mich geärgert, weil ich fast immer zu spät dran war.
mm: Völlig unvorstellbar heute - damals schickte man die Manuskripte noch per Post.
Friedmann: Ich habe mir wegen meiner ewigen Verspätung eine persönliche Brieftaube gewünscht. Es gab auch noch gar kein Fax. Oft habe ich das Telefon benutzt und das war sehr mühsam, in der Hamburger Redaktion des stern eine Sekretärin zu finden, die stenografieren konnte.
mm: Henri Nannen ist eine Legende im deutschen Journalismus der Nachkriegszeit; Sie sind das als Münchner Verlegerin auch und waren obendrein ein Jahrzehnt lang seine Starkolumnistin "Sibylle", die ihm viel Ruhm und Leser brachte.
Friedmann: Meine Kolumne trug sehr zur damals guten Auflage bei.
mm: Sie fanden Henri Nannen nach Ihrer ersten Begegnung unangenehm und aufgeblasen. Er hingegen wollte Ihre Schreibmaschine küssen. War das ein ungewöhnlicher Flirt zwischen zwei Alphatieren?
Friedmann: Zwischen unserem Kennenlernen auf der Abendgesellschaft einer Freundin und meiner Einwilligung, die Kolumne zu schreiben, lag fast ein Jahr. Er hatte mir zwar schon früher angeboten, meine Kolumne, die damals in der Abendzeitung erschien, im Stern zu drucken. Aber das wollte mein Mann nicht.
mm: Verständlicherweise nicht. Er war schließlich Verleger und Mehrheitseigner der Abendzeitung. Warum hat er schließlich doch eingewilligt?
Friedmann: Er musste, denn ich habe mich eines Tages emanzipiert und ihm gesagt: jetzt schreibe ich für den Stern.
mm: Gab's Streit?
Friedmann: Sagen wir, Differenzen, und dann habe ich mir vorgenommen, selbständig zu werden.
mm: Henri Nannen hat Sie dafür fürstlich entlohnt, mit der exorbitanten Summe von 3000 DM pro Kolumne.
Friedmann: Das fing zunächst mit 500 Mark an. Aber da ich bei der Abendzeitung nur 50 Mark bekam, war das schon ein großer Sprung. Von Zeit zu Zeit hab ich dann neu verhandelt.
mm: Wenn es um die finanzielle Wertschätzung geht, gelten Frauen heute noch als bescheiden.
Friedmann: Diese Scheu kann ich nicht verstehen. Ich hab mein Honorar mit dem verglichen was ein Fotograf für eine Seite bekam, da war meins immer noch bescheiden.
mm: Anders als Friede Springer und Liz Mohn sind Sie zu Ihrem Erbe nicht als Kindermädchen oder Telefonistin gekommen...
Friedmann: ... als mein Mann starb, habe ich keinen Moment gezögert, das Erbe anzunehmen, unser Sohn war erst 17 und einfach noch zu jung dafür. Die Kolumne habe ich dann beendet. Ich fand den frechen Ton, den ich da kultivierte und auch die Rolle nicht angemessen gegenüber meiner neuen Position als Herausgeber und Gesellschafterin der Süddeutschen Zeitung und der Abendzeitung.
mm: Wie sind Sie in Ihre Chefrolle hineingewachsen? Eine Verlegerin und Herausgeberin war damals keine Selbstverständlichkeit und ist es auch heute noch nicht.
Friedmann: Ich hatte meine Schwierigkeiten. Am Anfang verstand ich nichts von dem, was da in den Gesellschafterversammlungen um den runden Tisch herum besprochen wurde. Hinterher musste ich immer erst mal nachlesen um was es da genau ging. Das war eine ganz andere Welt, in der große Entschlüsse gefasst wurden, während ich in der Kolumne nur für meine Seite verantwortlich war.
mm: Hat Ihr Mann Sie für die Rolle nicht vorbereitet?
Friedmann: Leider gar nicht.
mm: Dabei war er doch schwer zuckerkrank.
Friedmann: Er ist an einem Herzinfarkt gestorben. Allerdings haben ihm die Ärzte das prophezeit, falls er nicht aufhört zu rauchen. Ich konnte dann aber in der Abendzeitung Alfred Neven Dumont als Partner gewinnen. Auf meine Bitte hat er den Anteil von Herrn Dürrmeier übernommen; er war der General der Süddeutschen Verlags. Werner Friedmann hatte ihm ein Drittel angeboten, als er die Abendzeitung gründete, weil er sich nicht kompetent genug im Kaufmännischen fühlte. Nach Werners Tod war Herr Dürrmeier sehr unzufrieden mit der Abendzeitung, die damals ziemlich links war. Friedmann starb 1969 und das war genau die Zeit mit allen politischen Ärgernissen.
mm: Die Studentenrevolte hallte noch nach, in Bonn gab es einen Machtwechsel, Willy Brandt wollte mehr Demokratie wagen, die amerikanische Jugend protestierte gegen den Vietnamkrieg, es gab Konflikte zwischen der Sowjetunion und China. Die ganze Welt schien in Aufruhr.
Friedmann: Der damalige Oberbürgermeister von München, Hans-Jochen Vogel, kam manchmal zum Kaffeetrinken zu mir rüber in die Sendlinger Straße. Er klagte über die Linken bei ihm im Stadtrat und ich klagte über die Linken bei mir in der Redaktion. Aber ich musste mich einfach behaupten.
mm: Sie waren noch sehr jung.
Friedmann: Ich war 41, als mein Mann starb. Ich hatte gar keine andere Wahl als meine Rolle zu finden.
mm: Wenn man sich Ihre Biografie anschaut, findet man alles, was eine große Story braucht ...
Friedmann: ... oh, ja.
mm: ... Erfolg, Intelligenz, Schönheit, aber auch Liebe, Drama, früher Tod und Cinderellas Aufstieg.
Friedmann: Stimmt. Aber so habe ich mich nie gesehen.
mm: Welchen Titel geben Sie Ihrer Geschichte?
Friedmann: Ich habe gar nichts aufgeschrieben, ich bin faul geworden was das Schreiben angeht. Das ist schon eine Plackerei. Wenn ich bedenke, wie lange ich immer an den Kolumnen gefeilt habe, bis die sich am Ende so leicht und luftig gelesen haben. Beim Nachdenken kommen wieder Bilder.
mm: Welche?
Friedmann: Zum Beispiel wie ehrfürchtig ich auf Verlegertagungen gegangen bin. Wir waren nur drei Frauen und da saßen alle diese Herren, alle in blauen Anzügen ganz würdig und haben das Schicksal der Zeitungen besprochen.
mm: Die Abendzeitung ist Ihr Hätschelkind.
Friedmann: Ich mochte sie immer gern. Mein Mann hat die gegründet ohne Boden. Das war unter den Amerikanern und in der Redaktion waren lauter junge Journalisten, ich gehörte auch dazu. Es war die erste tägliche Zeitung in ganz Deutschland, glaube ich, und die Leute haben sich gerauft um die Exemplare, die kosteten 20 Pfennig.
mm: Aber die Süddeutsche war doch zuerst auf dem Markt. Friedmann war ihr Mitgründer und -herausgeber.
Friedmann: Die erschien aber nur dreimal die Woche; es war einfach zu wenig Papier da.
mm: Ihre Karriere begann auch in der Süddeutschen. Sie haben sich dort als A. Schuller beworben und der Chefredakteur der Sie einbestellte, hielt Sie natürlich für einen Mann.
Friedmann: Das war kein bewusster Schachzug von mir. Mein Name, Anneliese, ist so lang, deshalb schrieb ich A. Das war mein Glück.
mm: Die Abendzeitung war einmal genau so eine stolze Diva wie ihre Besitzerin, dann wurden sind Sie von den Konkurrenten überholt.
Friedmann: Das ist noch nicht so lange her. Die tz hat halt das unschlagbare Plus, mit dem Merkur in einem Haus zu sein und gemeinsam die Anzeigen zu akquirieren; sie war immer etwas direkter und derber im Tonfall. Die sind down to earth. Schmuddelig war und ist die perfide Bildzeitung.
mm: Leiden Sie darunter, dass Sie vom Thron gestoßen wurden?
Friedmann: Das nicht, aber es fällt ein Werbeargument weg. Wir haben immer gesagt, wir sind die Nummer eins in München und das ist nun nicht mehr.
mm: Auch mit der Süddeutschen ist es nicht rund gelaufen; dort haben Ihre Mitgesellschafter vor einigen Jahren ihre Anteile für über eine halbe Milliarde Euro an die Südwestdeutsche Medienholding verkauft. Nur Sie und Ihr Sohn sind standhaft geblieben und haben sich nicht vom großen Geld locken lassen. Warum?
Friedmann: Wir sind leidenschaftliche Zeitungsleute. Mein Sohn auch. Wir sagten uns, was soll das viele Geld, wenn man dann nur schauen muss wie man es gut anlegt.
mm: Verstehen Sie sich noch als Verleger alten Schlags, die sich mit ihrem Blatt identifizieren?
Friedmann: Auf jeden Fall. Journalismus hat mit Leidenschaft zu tun. Journalist ist man mit Leib und Seele oder man wird gar nicht erfolgreich.
mm: Wie sehr schmerzt Sie das, dass sich alle Ihre Mitgesellschafter nicht als Verleger identifiziert haben?
Friedmann: Ich hab mich schon gewundert. Aber andererseits waren das alles schon Erben und nicht mehr die Original-Lizenzträger.
mm: Nun wird die große Metropolenzeitung von der Provinz regiert. Da darf man schon leiden, oder?
Friedmann: Man darf. Dass die Süddeutsche überhaupt in diese Lage kam, war ein Managementfehler. Da war plötzlich ein Kredit fällig, der nicht abgelöst werden konnte, weil die nicht aufgepasst haben. In der Situation haben die Stuttgarter zugegriffen - und deren Management ist exzellent.
mm: Die Printmedien haben es generell sehr schwer. Sprach man vor ein paar Jahren noch von einer Durststrecke, zeigt sich mittlerweile, dass es sich um eine schlimme Hungersnot handelt.
Friedmann: Die Anzeigen sind nur in den Provinzzeitungen zurückgekommen. Auch die Süddeutsche leidet.
mm: Geben Sie Print eine Zukunft?
Friedmann: Ich möchte weiter an Print glauben. Ich will blättern und das Papier in der Hand haben. Bei einem Artikel hängen bleiben und den nächsten nicht lesen; ich will die Auswahl haben, die Freiheit.
mm: Wenn Sie heute eine junge Journalistin wären, wie würden Sie dann arbeiten?
Friedmann: Dann müsste ich mich auch mit online beschäftigen.
mm: Sie haben immer sehr großen Wert darauf gelegt, Herausgeber zu sein und sich richtig geärgert, wenn man Sie als Herausgeberin titulierte.
Friedmann: Oh, ja. Das wurde damals plötzlich zu einer Manie, überall "in" anzuhängen. Bürger und Bürgerinnen - ich find das immer noch komisch.
mm: Sie haben sich gern angelegt, auch mit fetten Katzen. Dem bayerischen Ministerpräsidenten etwa, er war für Sie das Inbild des hässlichen Deutschen.
Friedmann: Ich hab das raffinierter formuliert: 'dessen Nacken ausdrückt was die Franzosen meinen, wenn Sie uns Boche nennen'. Das hat er dann vor Gericht verfolgt.
mm: Später musste Ihnen Franz Josef Strauß das bayerische Verdienstkreuz überreichen.
Friedmann: Ja, das war herrlich. Ich habe natürlich erst geschrieben, das passt nicht zu mir. Dann schrieb Strauß zurück, doch, Sie bekommen das am soundsovielten verliehen. Aber da war ich gerade mit einem Geliebten auf einer griechischen Insel und bin einfach nicht hin gegangen. Ich habe mich dann entschuldigt mit einem Brief, in dem ich wahrheitsgemäß schrieb, es handle sich um eine Insel, von der nur selten ein Fischerboot abgeht und kaum ein Telefon vorhanden ist und auch keine Post und es täte mir alles sehr leid.
mm: Es gibt aber Fotos, die zeigen, wie er Ihnen den Orden schließlich doch anheftet.
Friedmann: Ja, er schrieb zurück, die Insel möchte er auch kennen! Er war dann recht charmant und ich habe den Orden schließlich gesondert bekommen, mit noch zwei anderen, Männern, in einer Privataudienz (lacht schallend).
mm: Sie waren eine große und begnadete Spötterin.
Friedmann: Oh, ja.
mm: Helmut Dietl hat Sie in "Kir Royal" zur unvergesslichen Verlegerin Friederike von Unruh stilisiert.
Friedmann: An dem Film hat mich zweierlei geärgert, erstens einmal habe ich mit Esoterik gar nichts zu tun und die Friederike saß immer in esoterischen Sitzungen. Am schlimmsten aber empfand ich diese eine Szene, wo sie auf den Tisch steigt und sagt, 'ich hab mir die Krampfadern wegoperieren lassen' und sie hebt ihren Rock. Wenn ich etwas nicht hatte, so waren es Krampfadern.
mm: Schauen Sie manchmal melancholisch zurück?
Friedmann: Als literarische Vorlage zu dienen ist schon ein Kompliment. Damals habe ich ja noch die Gala "Stars in der Manege" gemacht, wo wir immer Leute aus Film, Fernsehen und Theater baten, als Artisten aufzutreten. In dem Jahr von "Kir Royal" rief ich den Xaver Kroetz an, der doch den Baby Schimmerlos spielt, weil wir noch jemand für den Raubtierkäfig suchten. Als er den Hörer abnahm, sagte ich, 'hier spricht Friederike von Unruh', Sie bekommen jetzt eine große Chance und dürfen mit in den Raubtierkäfig.
mm: War er amüsiert?
Friedmann: Zumindest lachte er sehr. Er hat die Rolle auch angenommen, aber ich glaube, er hatte ziemliche Angst; die Raubtiere, die er bändigen musste, waren Tiger.
mm: Woher kam Ihre erfrischende Frechheit?
Friedmann: Das ist mehr ein Nachdenken und dann findet man viele Dinge nur komisch und kann nur frech darüber urteilen.
mm: Jeanne Moreau, die genauso alt ist wie Sie und mit der Sie Schönheit, Charme und Contenance teilen ...
Friedmann: ... ja ...
mm: Jeanne Moreau sagt, Sie seien in eine Zeit hineingeboren, als der Lebenssinn einer Frau noch darin bestand, die ideale Liebe zu finden oder zumindest eine ausreichend faszinierende Frau zu sein.
Friedmann: Das ist hübsch gesagt, dem kann ich nur zustimmen.
mm: Was werden Sie den Journalisten, den Nach-Nachfahren von Henri Nannen heute Abend sagen?
Friedmann: Ich werde Danke sagen.
Quelle: manager-magazin
http://www.manager-magazin.de/lifestyle/leute/0,2828,896738,00.html
Sie ist die Grande Dame der deutschen Medienwelt und schillerndes Vorbild für Helmut Dietls "Kir Royal": Anneliese Friedmann erhält heute den Henri-Nannen-Preis. manager magazin online sprach mit ihr über den Job als Zeitungs-Herausgeberin und die lästigen Linken.
Friedmann: Ich hatte gar keine Ahnung davon, dass es diesen Preis gibt. Ohnehin halte ich gar nicht viel von Preisen.
mm: Was für ein Verhältnis hatten Sie zu Henri Nannen?
mm: Völlig unvorstellbar heute - damals schickte man die Manuskripte noch per Post.
Friedmann: Ich habe mir wegen meiner ewigen Verspätung eine persönliche Brieftaube gewünscht. Es gab auch noch gar kein Fax. Oft habe ich das Telefon benutzt und das war sehr mühsam, in der Hamburger Redaktion des stern eine Sekretärin zu finden, die stenografieren konnte.
mm: Henri Nannen ist eine Legende im deutschen Journalismus der Nachkriegszeit; Sie sind das als Münchner Verlegerin auch und waren obendrein ein Jahrzehnt lang seine Starkolumnistin "Sibylle", die ihm viel Ruhm und Leser brachte.
Friedmann: Meine Kolumne trug sehr zur damals guten Auflage bei.
mm: Sie fanden Henri Nannen nach Ihrer ersten Begegnung unangenehm und aufgeblasen. Er hingegen wollte Ihre Schreibmaschine küssen. War das ein ungewöhnlicher Flirt zwischen zwei Alphatieren?
Friedmann: Zwischen unserem Kennenlernen auf der Abendgesellschaft einer Freundin und meiner Einwilligung, die Kolumne zu schreiben, lag fast ein Jahr. Er hatte mir zwar schon früher angeboten, meine Kolumne, die damals in der Abendzeitung erschien, im Stern zu drucken. Aber das wollte mein Mann nicht.
mm: Verständlicherweise nicht. Er war schließlich Verleger und Mehrheitseigner der Abendzeitung. Warum hat er schließlich doch eingewilligt?
Friedmann: Er musste, denn ich habe mich eines Tages emanzipiert und ihm gesagt: jetzt schreibe ich für den Stern.
mm: Gab's Streit?
Friedmann: Sagen wir, Differenzen, und dann habe ich mir vorgenommen, selbständig zu werden.
mm: Henri Nannen hat Sie dafür fürstlich entlohnt, mit der exorbitanten Summe von 3000 DM pro Kolumne.
Friedmann: Das fing zunächst mit 500 Mark an. Aber da ich bei der Abendzeitung nur 50 Mark bekam, war das schon ein großer Sprung. Von Zeit zu Zeit hab ich dann neu verhandelt.
mm: Wenn es um die finanzielle Wertschätzung geht, gelten Frauen heute noch als bescheiden.
Friedmann: Diese Scheu kann ich nicht verstehen. Ich hab mein Honorar mit dem verglichen was ein Fotograf für eine Seite bekam, da war meins immer noch bescheiden.
mm: Anders als Friede Springer und Liz Mohn sind Sie zu Ihrem Erbe nicht als Kindermädchen oder Telefonistin gekommen...
Friedmann: ... als mein Mann starb, habe ich keinen Moment gezögert, das Erbe anzunehmen, unser Sohn war erst 17 und einfach noch zu jung dafür. Die Kolumne habe ich dann beendet. Ich fand den frechen Ton, den ich da kultivierte und auch die Rolle nicht angemessen gegenüber meiner neuen Position als Herausgeber und Gesellschafterin der Süddeutschen Zeitung und der Abendzeitung.
mm: Wie sind Sie in Ihre Chefrolle hineingewachsen? Eine Verlegerin und Herausgeberin war damals keine Selbstverständlichkeit und ist es auch heute noch nicht.
Friedmann: Ich hatte meine Schwierigkeiten. Am Anfang verstand ich nichts von dem, was da in den Gesellschafterversammlungen um den runden Tisch herum besprochen wurde. Hinterher musste ich immer erst mal nachlesen um was es da genau ging. Das war eine ganz andere Welt, in der große Entschlüsse gefasst wurden, während ich in der Kolumne nur für meine Seite verantwortlich war.
mm: Hat Ihr Mann Sie für die Rolle nicht vorbereitet?
Friedmann: Leider gar nicht.
mm: Dabei war er doch schwer zuckerkrank.
Friedmann: Er ist an einem Herzinfarkt gestorben. Allerdings haben ihm die Ärzte das prophezeit, falls er nicht aufhört zu rauchen. Ich konnte dann aber in der Abendzeitung Alfred Neven Dumont als Partner gewinnen. Auf meine Bitte hat er den Anteil von Herrn Dürrmeier übernommen; er war der General der Süddeutschen Verlags. Werner Friedmann hatte ihm ein Drittel angeboten, als er die Abendzeitung gründete, weil er sich nicht kompetent genug im Kaufmännischen fühlte. Nach Werners Tod war Herr Dürrmeier sehr unzufrieden mit der Abendzeitung, die damals ziemlich links war. Friedmann starb 1969 und das war genau die Zeit mit allen politischen Ärgernissen.
mm: Die Studentenrevolte hallte noch nach, in Bonn gab es einen Machtwechsel, Willy Brandt wollte mehr Demokratie wagen, die amerikanische Jugend protestierte gegen den Vietnamkrieg, es gab Konflikte zwischen der Sowjetunion und China. Die ganze Welt schien in Aufruhr.
Friedmann: Der damalige Oberbürgermeister von München, Hans-Jochen Vogel, kam manchmal zum Kaffeetrinken zu mir rüber in die Sendlinger Straße. Er klagte über die Linken bei ihm im Stadtrat und ich klagte über die Linken bei mir in der Redaktion. Aber ich musste mich einfach behaupten.
mm: Sie waren noch sehr jung.
Friedmann: Ich war 41, als mein Mann starb. Ich hatte gar keine andere Wahl als meine Rolle zu finden.
mm: Wenn man sich Ihre Biografie anschaut, findet man alles, was eine große Story braucht ...
Friedmann: ... oh, ja.
mm: ... Erfolg, Intelligenz, Schönheit, aber auch Liebe, Drama, früher Tod und Cinderellas Aufstieg.
Friedmann: Stimmt. Aber so habe ich mich nie gesehen.
mm: Welchen Titel geben Sie Ihrer Geschichte?
Friedmann: Ich habe gar nichts aufgeschrieben, ich bin faul geworden was das Schreiben angeht. Das ist schon eine Plackerei. Wenn ich bedenke, wie lange ich immer an den Kolumnen gefeilt habe, bis die sich am Ende so leicht und luftig gelesen haben. Beim Nachdenken kommen wieder Bilder.
mm: Welche?
Friedmann: Zum Beispiel wie ehrfürchtig ich auf Verlegertagungen gegangen bin. Wir waren nur drei Frauen und da saßen alle diese Herren, alle in blauen Anzügen ganz würdig und haben das Schicksal der Zeitungen besprochen.
mm: Die Abendzeitung ist Ihr Hätschelkind.
Friedmann: Ich mochte sie immer gern. Mein Mann hat die gegründet ohne Boden. Das war unter den Amerikanern und in der Redaktion waren lauter junge Journalisten, ich gehörte auch dazu. Es war die erste tägliche Zeitung in ganz Deutschland, glaube ich, und die Leute haben sich gerauft um die Exemplare, die kosteten 20 Pfennig.
mm: Aber die Süddeutsche war doch zuerst auf dem Markt. Friedmann war ihr Mitgründer und -herausgeber.
Friedmann: Die erschien aber nur dreimal die Woche; es war einfach zu wenig Papier da.
mm: Ihre Karriere begann auch in der Süddeutschen. Sie haben sich dort als A. Schuller beworben und der Chefredakteur der Sie einbestellte, hielt Sie natürlich für einen Mann.
Friedmann: Das war kein bewusster Schachzug von mir. Mein Name, Anneliese, ist so lang, deshalb schrieb ich A. Das war mein Glück.
mm: Die Abendzeitung war einmal genau so eine stolze Diva wie ihre Besitzerin, dann wurden sind Sie von den Konkurrenten überholt.
Friedmann: Das ist noch nicht so lange her. Die tz hat halt das unschlagbare Plus, mit dem Merkur in einem Haus zu sein und gemeinsam die Anzeigen zu akquirieren; sie war immer etwas direkter und derber im Tonfall. Die sind down to earth. Schmuddelig war und ist die perfide Bildzeitung.
mm: Leiden Sie darunter, dass Sie vom Thron gestoßen wurden?
Friedmann: Das nicht, aber es fällt ein Werbeargument weg. Wir haben immer gesagt, wir sind die Nummer eins in München und das ist nun nicht mehr.
mm: Auch mit der Süddeutschen ist es nicht rund gelaufen; dort haben Ihre Mitgesellschafter vor einigen Jahren ihre Anteile für über eine halbe Milliarde Euro an die Südwestdeutsche Medienholding verkauft. Nur Sie und Ihr Sohn sind standhaft geblieben und haben sich nicht vom großen Geld locken lassen. Warum?
Friedmann: Wir sind leidenschaftliche Zeitungsleute. Mein Sohn auch. Wir sagten uns, was soll das viele Geld, wenn man dann nur schauen muss wie man es gut anlegt.
mm: Verstehen Sie sich noch als Verleger alten Schlags, die sich mit ihrem Blatt identifizieren?
Friedmann: Auf jeden Fall. Journalismus hat mit Leidenschaft zu tun. Journalist ist man mit Leib und Seele oder man wird gar nicht erfolgreich.
mm: Wie sehr schmerzt Sie das, dass sich alle Ihre Mitgesellschafter nicht als Verleger identifiziert haben?
Friedmann: Ich hab mich schon gewundert. Aber andererseits waren das alles schon Erben und nicht mehr die Original-Lizenzträger.
mm: Nun wird die große Metropolenzeitung von der Provinz regiert. Da darf man schon leiden, oder?
Friedmann: Man darf. Dass die Süddeutsche überhaupt in diese Lage kam, war ein Managementfehler. Da war plötzlich ein Kredit fällig, der nicht abgelöst werden konnte, weil die nicht aufgepasst haben. In der Situation haben die Stuttgarter zugegriffen - und deren Management ist exzellent.
mm: Die Printmedien haben es generell sehr schwer. Sprach man vor ein paar Jahren noch von einer Durststrecke, zeigt sich mittlerweile, dass es sich um eine schlimme Hungersnot handelt.
Friedmann: Die Anzeigen sind nur in den Provinzzeitungen zurückgekommen. Auch die Süddeutsche leidet.
mm: Geben Sie Print eine Zukunft?
Friedmann: Ich möchte weiter an Print glauben. Ich will blättern und das Papier in der Hand haben. Bei einem Artikel hängen bleiben und den nächsten nicht lesen; ich will die Auswahl haben, die Freiheit.
mm: Wenn Sie heute eine junge Journalistin wären, wie würden Sie dann arbeiten?
Friedmann: Dann müsste ich mich auch mit online beschäftigen.
mm: Sie haben immer sehr großen Wert darauf gelegt, Herausgeber zu sein und sich richtig geärgert, wenn man Sie als Herausgeberin titulierte.
Friedmann: Oh, ja. Das wurde damals plötzlich zu einer Manie, überall "in" anzuhängen. Bürger und Bürgerinnen - ich find das immer noch komisch.
mm: Sie haben sich gern angelegt, auch mit fetten Katzen. Dem bayerischen Ministerpräsidenten etwa, er war für Sie das Inbild des hässlichen Deutschen.
Friedmann: Ich hab das raffinierter formuliert: 'dessen Nacken ausdrückt was die Franzosen meinen, wenn Sie uns Boche nennen'. Das hat er dann vor Gericht verfolgt.
mm: Später musste Ihnen Franz Josef Strauß das bayerische Verdienstkreuz überreichen.
Friedmann: Ja, das war herrlich. Ich habe natürlich erst geschrieben, das passt nicht zu mir. Dann schrieb Strauß zurück, doch, Sie bekommen das am soundsovielten verliehen. Aber da war ich gerade mit einem Geliebten auf einer griechischen Insel und bin einfach nicht hin gegangen. Ich habe mich dann entschuldigt mit einem Brief, in dem ich wahrheitsgemäß schrieb, es handle sich um eine Insel, von der nur selten ein Fischerboot abgeht und kaum ein Telefon vorhanden ist und auch keine Post und es täte mir alles sehr leid.
mm: Es gibt aber Fotos, die zeigen, wie er Ihnen den Orden schließlich doch anheftet.
Friedmann: Ja, er schrieb zurück, die Insel möchte er auch kennen! Er war dann recht charmant und ich habe den Orden schließlich gesondert bekommen, mit noch zwei anderen, Männern, in einer Privataudienz (lacht schallend).
mm: Sie waren eine große und begnadete Spötterin.
Friedmann: Oh, ja.
mm: Helmut Dietl hat Sie in "Kir Royal" zur unvergesslichen Verlegerin Friederike von Unruh stilisiert.
Friedmann: An dem Film hat mich zweierlei geärgert, erstens einmal habe ich mit Esoterik gar nichts zu tun und die Friederike saß immer in esoterischen Sitzungen. Am schlimmsten aber empfand ich diese eine Szene, wo sie auf den Tisch steigt und sagt, 'ich hab mir die Krampfadern wegoperieren lassen' und sie hebt ihren Rock. Wenn ich etwas nicht hatte, so waren es Krampfadern.
mm: Schauen Sie manchmal melancholisch zurück?
Friedmann: Als literarische Vorlage zu dienen ist schon ein Kompliment. Damals habe ich ja noch die Gala "Stars in der Manege" gemacht, wo wir immer Leute aus Film, Fernsehen und Theater baten, als Artisten aufzutreten. In dem Jahr von "Kir Royal" rief ich den Xaver Kroetz an, der doch den Baby Schimmerlos spielt, weil wir noch jemand für den Raubtierkäfig suchten. Als er den Hörer abnahm, sagte ich, 'hier spricht Friederike von Unruh', Sie bekommen jetzt eine große Chance und dürfen mit in den Raubtierkäfig.
mm: War er amüsiert?
Friedmann: Zumindest lachte er sehr. Er hat die Rolle auch angenommen, aber ich glaube, er hatte ziemliche Angst; die Raubtiere, die er bändigen musste, waren Tiger.
mm: Woher kam Ihre erfrischende Frechheit?
Friedmann: Das ist mehr ein Nachdenken und dann findet man viele Dinge nur komisch und kann nur frech darüber urteilen.
mm: Jeanne Moreau, die genauso alt ist wie Sie und mit der Sie Schönheit, Charme und Contenance teilen ...
Friedmann: ... ja ...
mm: Jeanne Moreau sagt, Sie seien in eine Zeit hineingeboren, als der Lebenssinn einer Frau noch darin bestand, die ideale Liebe zu finden oder zumindest eine ausreichend faszinierende Frau zu sein.
Friedmann: Das ist hübsch gesagt, dem kann ich nur zustimmen.
mm: Was werden Sie den Journalisten, den Nach-Nachfahren von Henri Nannen heute Abend sagen?
Friedmann: Ich werde Danke sagen.
Quelle: manager-magazin
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