Kommentare - Ronald Gehrt
Ein Blick in die Glaskugel
21.05.2013 - 10:08 | Quelle: Ronald Gehrt
... wenn man Long ist bzw. sich überhaupt Aktien leisten kann. Oder noch eine Arbeit hat. Oder nicht im Süden der Eurozone wohnt etc. Aber sei's drum, ganz grundsätzlich kann der DAX dieses Kursziel nicht nur erreichen, sondern sogar überwinden. Und zwar aus genau den vorgenannten Argumenten heraus. Es müssen nur genug Marktteilnehmer weiterhin fest daran glauben und entsprechend weiter kaufen. Und solange eine nennenswerte Korrektur ausbleibt, werden die institutionellen Investoren weiterhin gezwungen sein, auch in steigende Kurse hinein ihre Portfolios weiter auszubauen, um mit ihrer Performance nicht hinter die Konkurrenz zurückzufallen, die genau das auch tut und denkt. Aber!
Weil es eben nicht nur um fundamentale Aspekte, Liquidität oder die Charttechnik geht. Es geht auch um die Stimmung am Markt und es geht vor allem und insbesondere darum, was die großen Spieler an den Terminbörsen mit den Kursen vorhaben! Und angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre, insbesondere seit Ende 2007, soll mir niemand erzählen, dass diese großen Adressen, insbesondere die Banken im Eigenhandel, nicht imstande wären, die Kurse nachhaltig in die von ihnen gewünschte Richtung zu bewegen. Schließlich geht es ja nicht darum, permanent mit dem größeren Kapitalanteil auf der "richtigen" Seite zu stehen und damit die Vorgaben zu machen. Es geht vor allem darum, die Marktteilnehmer dazu zu bringen, den von einem selbst erwünschten Trend ohne es zu merken nach Kräften zu unterstützen.
Das funktioniert zum einen durch das Überwinden oder Durchbrechen charttechnischer Marken. Und das funktioniert zum anderen durch die gezielte Beeinflussung der Marktstimmung, indem man Rallyes oder Kurseinbrüche zu Zeitpunkten lostritt, zu denen die anderen Marktteilnehmer absolut nicht damit rechnen. Dann ist man der Unterstützung durch kurzfristige Trader, die sofort auf den fahrenden Zug aufspringen, versichert. Und so ist es meistens gar nicht mal so schwer, den Kursen den entscheidenden "Stupps" zu verpassen, wenn man das ausreichende Kapital zur Verfügung hat und weiß, wie die Marktteilnehmer "ticken". Und gerade die alten Hasen im Eigenhandel der Banken wissen das ganz genau!
Denn die gerade abgerechneten Optionen sind direkt nach einem Abrechnungstermin Vergangenheit, die großen Spieler an den Terminbörsen starten sozusagen ihre Computer neu. Gleichzeitig sind diese großen Akteure in der Regel Stillhalter, das heißt sie verkaufen (emittieren) Optionen - während kleinere Akteure in der Regel Optionen kaufen. Ziel der Stillhalter ist es, den für den Verkauf der Optionen eingenommenen Preis als kompletten Gewinn zu vereinnahmen. Und das funktioniert nur dann, wenn diese Optionen am Ende ihrer Laufzeit wertlos verfallen. Also gilt es, Optionen an die anderen Marktteilnehmer zu verkaufen, die im Augenblick den Anschein erwecken, zum nächsten Verfalltermin in vier Wochen einen fast sicheren Gewinn einzubringen. Die bringen gute Preise, die will jeder haben. Im Augenblick wären das Calls auf den DAX, mit Basispreisen beispielsweise im Bereich zwischen 7.800 und 8.200 Punkten. Wer mit dem Strom schwimmt und trendkonform agiert, ist ein potentieller Käufer solcher Optionen. Die antizyklisch denkenden und handelnden Marktteilnehmer jedoch versuchen sich jetzt selbstredend auf der Put-Seite. Und da antizyklisch denkende Investoren grundsätzlich auch spekulativer veranlagt sind, dürften Puts mit Basispreisen um 7.800/7.900 Punkte durchaus gesucht sein.
Da es bei diesem Spiel um unfassbare Summen geht und ein geschickter großer Spieler am Optionsmarkt imstande ist, die Kurse des DAX durchaus mit moderatem Kapitaleinsatz erfolgreich zu beeinflussen, indem er sich, wie oben erwähnt, der von diesen unbemerkten "Unterstützung" der Daytrader sicher sein kann, wenn er nur im richtigen Moment den Anstoß gibt, kann man so bis zum nächsten Verfalltermin am 21. Juni einen bedeutenden Reibach einfahren, wenn man imstande ist, die Kurse bis dahin dorthin zu ziehen, wo nach Möglichkeit die bullishen ebenso wie die bearishen Options-Spekulanten dumm aus der Wäsche schauen. Dabei möchte ich ganz deutlich unterstreichen, dass diese oben genannten Basispreise einfach nur Beispiele und Denkmodelle sind. Denn:
Erstens gibt es nicht nur zwei oder drei große Spieler am Terminmarkt. Hier agieren zig große Banken weltweit - und die planen und tun natürlich keineswegs immer dasselbe. Darüber hinaus werden die Strategien, die jetzt ausbaldowert werden, immer wieder angepasst, weil die Entwicklung natürlich auch für solche Akteure nicht hundertprozentig vorhersehbar und immer beeinflussbar ist. Aber:
Unter dem Strich stellen die ersten Tage nach einem Verfalltermin immer eine Schlüsselsituation dar, in der sich die Trendrichtung der kommenden Wochen entscheidet. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man es auch diesmal hinbekommen wird, den DAX bis zum großen Verfalltermin am 21. Juni (groß, weil dann auch die Futures abgerechnet werden) dorthin zu ziehen, wo ihn hier und heute noch keiner erwartet. Aber Vorsicht!
Das kann zwar dazu führen, dass es wieder einmal wie im März und April zu einem kompletten Wechsel der Trendrichtung kommt. Aber es muss nicht dazu führen! Denn wer würde jetzt ernsthaft damit rechnen, dass der DAX zum Beispiel diese Widerstandsmarke bei 8.730 Punkten nicht nur erreicht, sondern darüber hinaus einfach weiter steigt? Auch da würde man sich bei entsprechenden Positionen an den Terminmärkten eine goldene Nase verdienen. Fazit:
Erwarten Sie das Unerwartete. Mehr kann ein Blick in die Glaskugel einfach nicht leisten. Wir haben in den letzten Monaten und Jahren durchaus Fälle gesehen, bei denen es über zwei, drei Verfalltermine hinaus in die selbe Richtung weiterging. Wir haben ein Zickzack zwischen den Verfalltermin erlebt, aber auch, beispielsweise im Januar/Februar, eine Seitwärtsbewegung. Aber auch, wenn die Glaskugel leider ebenfalls den definitiven Kursverlauf des DAX genauso wenig vorhersehen kann wie die Lottozahlen, so ist es doch angesichts der Tatsache, dass diese Verfalltermine Schlüsselpunkte für mögliche Richtungswechsel sind, ein wichtiges Fazit, dass man in dieser neuen Woche ganz genau hinsehen muss, was unser DAX so treibt.
Allerdings sei aus charttechnischer Sicht noch abschließend hinzugefügt: Nach einer solchen Rallye wäre eine Korrektur vollkommen normal. Dafür bietet sich die Unterstützungszone aus den März-Hochs bei 8.074 Punkten und den vormaligen Allzeithochs bei 8.151 Punkten an. Erst, wenn der DAX diese Zone auf Schlusskursbasis nach unten durchbrechen würde, wäre etwas faul und man müsste tatsächlich damit rechnen, dass die großen Spieler an den Terminmärkten gezielt darauf hinwirken, dass es mit dem DAX bis zum 21. Juni deutlich abwärts geht. Und sollte der DAX wieder unter 8.074 Punkten schließen, würde das so viele Stoppkurse brechen und die kurzfristigen Trader auf die bearishe Seite zurückbringen, dass man dann als Verkäufer von Call-Optionen die Füße hochlegen und zusehen könnte, wie andere Marktteilnehmer einem die Arbeit abnehmen. Also Vorsicht, die kommenden Tage dürften entscheidend sein!
Herzliche Grüße
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)
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