Börse ist ganz einfach - Warum die Kurse steigen oder fallen
10.07.2012 - 09:00 | Quelle: Investmentecke
Für die Kursbewegungen an den Märkten lässt sich im Nachhinein immer eine sinnvolle und für jedermann nachvollziehbare Erklärung finden. Dabei sollten sich Anleger aber immer wieder vor Augen führen, dass streng genommen nur die an diesem Tag wirklich aktiven Händler wissen, warum sie die Aktie xy zu bestimmten Kursen gekauft oder verkauft haben. Und die Beweggründe der einzelnen Investoren sind so unterschiedlich und vielfältig, dass der Platz hier für eine vollumfängliche Auflistung wohl bei weitem nicht ausreichen würde. Aussagen wie "Die Kurse sind wegen der Zinssenkung der Notenbank gestiegen" klingen zwar logisch, müssen aber dennoch mit Vorsicht genossen werden. Oder sollte es wirklich Leser geben, die davon ausgehen, dass der Börsenredakteur jeden Anleger an diesem Tag nach dem "Warum" seiner Transaktionen gefragt hat? Zumal das ja gar nicht möglich ist, weil die Börse ein anonymer Handelsplatz ist und der normale Beobachter überhaupt nicht weiß, wer hier den ganzen Tag kauft und verkauft.
Die fachlich richtige Begründung für jeden gehandelten Kurs ist etwas vereinfacht dargestellt, dass sich die potenziellen Käufer und Verkäufer mit ihren in den Markt gelegten Aufträgen auf genau diesem Niveau auf einen Handel geeinigt haben. Wenn die Kurse gestiegen sind, waren die Käufer also bereit, die von anderen Anlegern in Form eines höheren Verkaufslimits gestellte Forderung nach einem Kursaufschlag zu erfüllen. Wenn die Kurse hingegen gefallen sind, bestand diese Bereitschaft nicht. Dann haben die Verkäufer dem Wunsch der Käufer nach einem Kursabschlag entsprochen und ihre Aktien zu einem entsprechend niedrigeren Kurs angeboten. Dass bestimmte Nachrichten hinter diesen Transaktionen stecken, ist im Einzelfall möglich, aber alles andere als sicher.
Viel wichtiger ist für Anleger ohnehin die Frage, wie sich die Marktteilnehmer in Zukunft verhalten. Einzig das entscheidet nämlich darüber, ob die Märkte demnächst steigen oder fallen. Denn Börsenkurse entstehen durch Angebot und Nachfrage, Nun wird man den künftig an der Börse agierenden (und im Detail zumeist wieder unbekannten) Akteuren in der Regel nicht entlocken können, ob und auf welchem Niveau sie in den Aktienmarkt einsteigen oder diesen wieder verlassen wollen. Deshalb sollten auch noch so schlüssig klingende Prognosen wie "Die Kurse werden steigen, weil die Bewertungen der Aktien günstig sind" nicht als unumstößliche Versprechen gewertet werden. Letztendlich ist auch das nur eine Meinung von vielen und im tatsächlichen Börsenhandel spielen vielleicht ganz andere Gründe zurzeit eine viel wichtigere Rolle. Anleger sind deshalb gut beraten, sich ihre eigene Meinung zu bilden und vor allem zu akzeptieren, dass sich Aktienkurse nicht seriös vorhersagen lassen. Gerade die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung ist es ja, welche hohe Gewinnchancen an der Börse überhaupt erst möglich macht.
Die Aktienkurse sind am vergangenen Donnerstag unmittelbar nach der Leitzinssenkung der EZB übrigens massiv gefallen. Auch dafür gibt es natürlich wieder eine sinnvolle und für jedermann nachvollziehbare Erklärung. So wie es sie in dem Fall für steigende Kurse natürlich auch gegeben hätte. Börse ist und bleibt eben einfach...
Investmentecke Die exklusive Anlagekolumne von Ralf Andreß und Thomas Koch
Exklusiv auf finanztreff.de besprechen Ralf Andreß und Thomas Koch täglich interessante Produkte und Anlagestrategien rund um den Derivatebereich.
Ralf Andreß gehört zu den erfahrensten Zertifikate-journalisten Deutschlands. Als freier Autor berichtet er seit beinahe 15 Jahren über strukturierte Produkte und initiierte bereits 1999 die mehrmals jährlich in "Die Welt" und "Welt am Sonntag" erscheinenden Fachreports zu Derivaten und Zertifikaten. Seit 2004 schreibt er auf Finanztreff.de für die tägliche Börsenkolumne "Investmentecke". Zudem ist er seit 2006 Chefredakteur des von ihm mit ins Leben gerufenen Fachmagazins "Der Zertifikateberater". 2008 wurde er beim erstmals vergebenen Journalistenpreis für die Berichterstattung über Zertifikate zum "Journalist des Jahres" gekürt.
Thomas Koch ist CEFA-Invest-mentanalyst, Investmentspezialist für strukturierte Produkte (ISSP) und geprüfter Zertifikateberater (EDA). Seit 2004 beschäftigt er sich als freier Journalist schwerpunktmäßig mit dem Markt für Zertifikate und Hebelprodukte und ist u.a. für das Fachmagazin "Der Zertifikateberater" und hauptverantwortlich für den Newsletter "Platow Derivate" tätig.