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Russland ruft die Energierevolution aus
25.11.2009 - 12:25Von Nils-Viktor Sorge
Jahrzehntelang hat sich Russland auf seine gigantischen Öl- und Gasreserven verlassen. Exporte spülten Geld ins Land, zugleich verschwendeten Bevölkerung und Industrie hemmungslos Energie. Dieses Wirtschaftsmodell bricht nun in sich zusammen. Beim radikalen Kurswechsel sollen deutsche Firmen helfen.
Hamburg - Wer als Deutscher in Moskau eine Wohnung mietet, erleidet noch immer häufig einen Kulturschock. Gas, Strom, Wasser - diese Posten rechnen viele Vermieter pauschal ab. Einen Anreiz zum Sparen oder ein Thermostat suchen Bewohner vergeblich. An manchen Tagen müssen Millionen Russen deshalb bei laufender Fernwärmeheizung das Fenster öffnen, um sich etwas Abkühlung zu verschaffen.
Eine derartige Energieverschwendung legten russische Politiker und Wirtschaftsführer jahrzehntelang eher als Zeichen der Stärke denn der Schwäche aus. Zeigte sich in ihr doch, wie gigantisch die Rohstoffreserven des Landes sind. Dank dieses Reichtums und stetig wachsender Exporterlöse aus Öl und Gas schien der sparsame Umgang mit den Brennstoffen im eigenen Land schlicht nicht erforderlich zu sein.
Inzwischen hat sich das Bild radikal gewandelt. Als "primitive Rohstoffwirtschaft" brandmarkte Russlands Präsident Dmitrij Medwedew vor gut einer Woche das ökonomische System seines Landes. Eine grundlegende Erneuerung sei nötig. Wirtschaft und Verbraucher müssten effizienter mit Energie umgehen, fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energiequellen ergänzt werden.
"Wir müssen sowohl im Bereich der traditionellen als auch der alternativen Energien weltweit führend werden", gab Medwedew im Parlament als ambitioniertes Ziel aus. Bisher ist Russland auch auf dem Gebiet der Erneuerbaren Energien kaum in Erscheinung getreten.
"Dieses Umsteuern kommt einer kleinen Revolution gleich", sagt der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler, gegenüber manager-magazin.de. Kohler ist zugleich Aufsichtsrat der 2009 gegründeten Russisch-Deutschen Energie-Agentur (Rudea), an deren Arbeit sich auch deutsche Unternehmen beteiligen. Sie könnten von dem energiepolitischen Wechsel am stärksten profitieren.
Präsident Medwedew und viele andere im Land haben erkannt, dass der auf Gas und Öl gegründete Wohlstand auf wackeligen Beinen steht. Das russische Bruttoinlandsprodukt wird in diesem Jahr laut Weltbank-Berechnungen um fast 9 Prozent sinken.
Dafür mitverantwortlich ist auch die angeschlagene Rohstoffbranche. In der Wirtschaftskrise rauscht vor allem der Gaspreis in den Keller, zudem geht der Gasabsatz drastisch zurück. Gerade erst musste der staatlich kontrollierte Gazprom-Konzern
Der nicht direkt auf Rohstoffreichtum basierende Rest der russischen Wirtschaft ist nicht imstande, die Schwäche auszugleichen. Die Autoindustrie liegt am Boden, kaum besser geht es Pharma- und Chemiebranche. Viele Banken hängen wie in anderen Ländern ohnehin am Tropf des Staates.
"Sowohl seitens der Produktion als auch der Produkte sind große Teile der russischen Wirtschaft international nicht konkurrenzfähig", sagt Kohler. Er führt diesen Umstand nicht zuletzt auch auf den ineffizienten Umgang mit Energie zurück. Auch aus Sicht des Potsdam-Instituts für Klimafolgenabschätzung muss sich Russlands Wirtschaft dringend modernisieren. "Die Verlierer des Klimawandels werden diejenigen sein, die fossile Energieträger anzubieten haben und sich auf einen fossilen Pfad festlegen", sagt Chefvolkswirt Ottmar Edenhofer.
Medwedew verordnet seinem Land nun eine Radikalkur. Bis zum Jahr 2020 sollen Industrie und Bevölkerung 40 Prozent Energie einsparen, indem sie sie effizienter einsetzen. Zudem willigte das Land im Vorfeld des Klimagipfels von Kopenhagen ein, den Ausstoß seiner Klimagase gegenüber 1990 um 20 Prozent zu senken.
Hinter dieser Kehrtwende stehen harte wirtschaftliche Interessen. Hielt Wladimir Putin den Klimawandel noch vor wenigen Jahren für eine gute Sache, weil die Russen weniger heizen müssten, setzen sich nun die Pessimisten durch. Die Furcht vor den Folgen des Klimawandels wächst.
Tauen beispielsweise im Norden des Landes die Permafrostböden, gerät die dortige Infrastruktur ins Wanken. Städte drohen im Sumpf zu versinken, Pipelines könnten bersten. Auf der Halbinsel Jamal haben Greenpeace-Aktivisten schon jetzt beobachtet, wie der Boden einbricht, Krater entstehen und Seen verschwinden. Andernorts hängen bereits Eisenbahnschienen in der Luft.
Um das Schlimmste zu verhindern und gleichzeitig die Wirtschaft zu modernisieren, legt die Regierung ein Hauruck-Programm auf. Das vor wenigen Tagen verabschiedete Energiespargesetz verbietet herkömmliche Glühlampen ab 2014, gewährt umweltfreundlichen Betrieben Steuervorteile und fördert verbrauchsabhängige Stromtarife sowie den Einbau von Wasser-, Strom- und Gaszählern.
Deutsche Konzerne wie BASF
Auf das Energiesparen legt die russische Regierung derzeit den Schwerpunkt. Doch auch alternative Energien sollen bald endlich den Durchbruch schaffen, um das Land auf die Zeit nach dem Ende fossiler Brennstoffe vorzubereiten.
Bisher fristen sie ein Schattendasein. Immerhin deckt Russland seinen Strombedarf zu einem Fünftel aus großen Wasserkraftwerken. Doch mehr als zwei Drittel tragen Kohle- und Gaskraftwerke bei. Das Potenzial der alternativer Ressourcen wie Biomasse, Windkraft und Geothermie wird nicht annähernd genutzt.
Die installierte Windkraftleistung im größten Land der Erde betrug Ende 2008 lediglich 13,42 Megawatt - das entspricht etwa fünf einzelnen modernen Turbinen, von denen in Deutschland bereits Tausende stehen. Kein Wunder, dass Hersteller wie Nordex den russischen Markt noch als "Non Event" bezeichnen. Bisher gibt es keine einzige Fertigungsstätte eines westlichen Herstellers im Land.
Doch bei einigen Windkraftunternehmen wächst bereits die Fantasie für den russischen Markt. Auf der ersten nationalen Konferenz des russischen Windkraftverbands erläuterten Vertreter des Münchener Mischkonzerns Siemens und Weltmarktführer Vestas
Die Firmen lockt auch eine diskutierte gezielte Förderung für erneuerbare Energien in Höhe von zwölf Cent pro Kilowattstunde. Zudem will der staatliche Energiekonzern RusHydro bis 2020 insgesamt Windkraftanlagen mit einer Leistung von insgesamt 1600 Megawatt aufstellen.
Herausforderungen gibt es jedoch genug. Die Windkraftturbinen müssen an manchen Standorten Temperaturen bis minus 55 Grad standhalten. Und in entlegenen Gebieten sind oftmals gar nicht die zum Aufbau der Anlagen erforderlichen Lastkräne vorhanden. Immerhin entsteht in der Nähe der Olympiastadt Sotchi ein 60-Megawatt-Projekt mit Hilfe der Rudea.
Mehr noch als von der Windenergie versprechen sich russische Energieexperten von der Nutzung von Biomasse. Auch in diesem Fall würden deutsche Hersteller profitieren. "Russland kann zu den Gewinnern des Klimaschutzes gehören, wenn es auf Biomasse setzt", sagt Potsdam-Institut-Forscher Edenhofer. Mit Holz, Torf und organischen Abfällen könnte Biogas erzeugt und Kraftwerke betrieben werden. Da weite Teile des Landes nicht bewirtschaftet werden, stehen sie theoretisch zum gezielten Anbau von Biomasse zur Verfügung. Eines Tages, so erwarten Experten, könnte ein Großteil des nach Deutschland exportierten Gases sogar auf diese Weise produziert werden.
Quelle: manager-magazin
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