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FTD: Porsche in Schockstarre
20.11.2009 - 10:42Die bevorstehende Übernahme durch VW lähmt den Sportwagenbauer. Wichtige Entscheidungen werden verzögert, Führungskräfte bangen um ihre Jobs. Und in Wolfsburg sinnt so mancher auf Rache für erlittene Demütigungen.
An den Stil des Neuen müssen sie sich erst noch gewöhnen. Zur Technikpräsentation hat Michael Macht seine Top-Führungskräfte nach Unterreichenbach geladen. Ein Ort wie aus einem Heimatfilm: sanfte Hügel, Schwarzwaldhäuschen und Wildbach. In Mönch's Waldhotel konferieren die Porsche-Manager an diesem letzten Tag im September. Zwischen Holzmöbeln und Hirschgeweihen, das Einzelzimmer zu 78 Euro pro Nacht.
Machts Vorgänger Wendelin Wiedeking führte die neuesten Motoren und Prototypen lieber in edlem Luxusambiente wie auf Schloss Marbach am Bodensee vor. Marmorböden, Golfplatz und - unvermeidlich - Havannas aus dem Humidor. Diese Zeiten sind nun erst einmal vorbei. Macht muss Bescheidenheit predigen, wo jahrelang Überfluss herrschte. Noch undankbarer: Er muss Aufbruchstimmung verbreiten, wo nach dem Verlust der Unabhängigkeit Niedergeschlagenheit herrscht Und er muss sich Fragen stellen, über deren Antworten er als Porsche-Chef nicht mehr allein entscheiden kann. Welche Strategie verfolgt der Sportwagenbauer in Zukunft? Welche Kompetenzen bleiben in Stuttgart, welche wandern zur künftigen Konzernmutter Volkswagen? Welche Manager behalten ihre Posten - wer muss gehen?
Mit dem Abgang von Wiedeking und seinem Finanzchef Holger Härter ist Porsche in eine Art Schockstarre verfallen. Ohne Zustimmung der neuen Herren aus Wolfsburg fällt kein wichtiger Beschluss mehr, doch konkrete Ansagen gibt es auch keine -
noch hält Europas größter Autobauer formal ja nicht einmal Anteile an Porsche, noch sitzt außer Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch kein Vertreter des VW-Konzerns in irgendeinem Gremium. "Hier weiß keiner, was VW mit uns vorhat. Alle warten erst einmal ab", heißt es in Zuffenhausen. Dabei sind mehr denn je schnelle Entscheidungen gefragt. Die Wirtschaftskrise hat den Porsche-Absatz im Ende Juli abgelaufenen Geschäftsjahr um 24 Prozent einbrechen lassen. Der Trend zu umweltfreundlicheren und sparsameren Autos stellt den Hersteller mit dem höchsten Flottenverbrauch der Welt vor ganz besondere Herausforderungen. Soll der neue Boxster auch als Elektromobil auf den Markt kommen? Ist ein Mini-Porsche als Angebot für Einsteiger sinnvoll? Oder schadet das dem Markenimage?
Viele Mitarbeiter bei Porsche kennen gar nichts anderes als Erfolg. Und dieser Erfolg war verbunden mit einem Namen: Wendelin Wiedeking. In seiner Zeit als Vorstandschef rettete er das Unternehmen vor der Pleite, trieb den Absatz von 12 000 auf 98.652 Autos hoch und machte die Aktionäre glücklich mit Renditen von sagenhaften 19 Prozent und mehr. Seine stets etwas protzige und zu laute Art verziehen sie ihm gern. Er war ihr Held, ihr Wegweiser. Das personifizierte Wirtschaftswunder.
Dann kam der Tag, der alles veränderte. Die Entscheidung, den 15-mal größeren VW-Konzern zu übernehmen. Der Versuch geriet zum Desaster: Wiedeking und Härter verzockten sich mit komplexen Derivaten auf VW-Aktien, und als sie dafür weitere Kredite brauchten, sperrten die Banken sich. Am Ende drückten die kleine Sportwagenschmiede neun Mrd. Euro Schulden - und ausgerechnet VW rettete das Unternehmen mit einer Finanzspritze vor dem Kollaps.
Von nun an lief die Sache andersherum: Volkswagen schluckte Porsche, Wiedeking und Härter verloren ihre Ämter.
Seither hadern sie in Stuttgart mit dem einstigen Übervater, der ihre Zukunft verspielte. So diskutieren die Manager in Unterreichenbach über den jähen Absturz und die ungewisse Zukunft im VW-Verbund mindestens so intensiv wie über den Cayenne Hybrid. "Die Mannschaft hat seit 15 Jahren nur Positives über Porsche gelesen", sagt Macht. "Da ist es extrem schwer für manche, sich an die neue Situation zu gewöhnen."
Zumal die Sieger aus Wolfsburg bereits kräftig sticheln. "Porsche hat seit Jahren nicht genug an den Modellen gemacht. Sie liegen bei neuen Technologien drei bis fünf Jahre zurück", ätzt ein VW-Topmanager. Wiedeking habe seine zweistellige Rendite stets mehr am Herzen gelegen als seine Entwicklungsabteilung. Zudem sei die Marke Porsche, allen voran das Spitzenmodell 911, in wichtigen Auslandsmärkten wie China nicht angesagt genug und habe wichtige Imagepunkte an Nischenmarken wie Lamborghini oder Maserati verloren.
Teil 2: So mancher sinnt auf Rache
Lächerlich, kontert ein Porsche-Manager. "Der 911er ist das meistverkaufte Auto seiner Klasse." Imageprobleme gebe es nicht, und in der Neuauflage des Geländewagens Cayenne, die 2010 auf den Markt kommen soll, stecke Technik, nach der sich VW-Entwickler die Finger lecken würden.
Aus der Ferne betrachtet wirkt das wie das Gezanke von Fünfjährigen im Sandkasten, doch dahinter steckt mehr. Viele in Wolfsburg haben die Verletzungen nicht vergessen, die Wiedeking ihnen zufügte, seit er 2006 in den VW-Aufsichtsrat einzog. Er nervte den Vorstand mit bohrenden Fragen und ließ keinen Zweifel daran, dass er den verschnarchten Großkonzern auf mehr Effizienz trimmen werde. VW-Chef Martin Winterkorn habe getobt, berichtet ein Beteiligter. "Der war richtig wütend." Nun sinnt so mancher im Volkswagen-Management auf Rache. Zwar predigen die Leute in Winterkorns Umfeld unablässig, man werde nicht den gleichen Fehler begehen wie seinerzeit Wiedeking, sondern die Porsche-Leute mitnehmen und mit Respekt behandeln. Doch die verdeckt geschossenen Spitzen aus Niedersachsen machen klar, dass sich die Zuffenhausener besser nicht darauf verlassen sollten.
Die Verunsicherung im Führungskader ist groß. Mit Wiedeking und Härter wurde die Vorstandsspitze geschasst, nun fragen sich viele in der zweiten Reihe, ob sie im neuen Großkonzern noch erwünscht sind. Leute wie Michael Harmening etwa, Wiedekings Chefstratege. In der Branche genießt er einen hervorragenden Ruf, in Wolfsburg ist er weniger gut gelitten. Er war einer der zentralen Köpfe hinter der geplanten VW-Übernahme, VW-Manager erinnern sich gut an die aggressive Art, mit der er sie in Gesprächen abzukanzeln pflegte.
Noch hat Winterkorn mit keinem Wort durchblicken lassen, wie er sich die künftige Aufgabenteilung zwischen Mutter und Tochter vorstellt. Ingenieure und Techniker müssen sich die geringsten Sorgen machen. Dass VW etwa den Leiter einer Porsche-Baureihe abservieren könnte, gilt als extrem unwahrscheinlich. Das Spezialwissen dieser Experten ist nur schwer zu ersetzen. Manager aus anderen Firmenbereichen sähen sich dagegen sicherheitshalber bereits nach neuen Jobs um, berichtet ein Firmenkenner.
Unter den Entwicklern haben die neuen Herren die meisten Freunde. Denn mit VW-Chef Winterkorn und Oberaufseher Piëch gebieten bald zwei ausgesprochene Technikfans über die Geschicke des Sportwagenherstellers. Während Wiedeking Innovationen, die ihm zu teuer erschienen, zugunsten der Marge von der Liste strich, fügte Winterkorn nach seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden dem bereits fertig entwickelten Golf noch ein paar technische Finessen hinzu. Eine Wohltat für die Ingenieure, ein Rückschlag für die Profitabilität.
Auch sonst tut Winterkorn sein Möglichstes, um die geschundene Porsche-Seele zu streicheln. So darf Porsche-Chef Macht seit August an der Sitzung der VW-Konzernleitung teilnehmen. Seither sitzt er jeden Dienstag im Flieger nach Braunschweig, um von dort in die Konzernzentrale zu fahren. Diese Ehre wird von den übrigen Markenchefs regelmäßig nur noch Audi-Lenker Rupert Stadler zuteil. "Das ist der engste Kreis", sagt Macht stolz. "Es ist ein klares Signal, dass VW es ernst meint mit der Integration."
Die Entscheidung, Wiedekings Erbe anzutreten, ist dem 49-Jährigen nicht leichtgefallen. Nach 19 Jahren in der unabhängigen Firma ist er nun der erste Statthalter von Wolfsburgs Gnaden, muss die immensen Finanzprobleme bewältigen, wohl wissend, dass er an die Erfolge und die Popularität seines Vorgängers niemals wird heranreichen können. Es erfordert Demut, in diesen Zeiten Porsche-Chef zu sein.
Unterzeichnung der Übernahmeverträge kurz vor dem Abschluss
In seiner Zeit als Produktionschef hat er eng mit Winterkorn und anderen Volkswagen-Managern zusammengearbeitet, etwa beim Bau der Geländewagen Cayenne und VW Touareg, die auf derselben technischen Plattform basieren. Macht soll Porsche näher an Volkswagen heranführen. Das birgt die Gefahr, von den eigenen Leuten nicht mehr als einer der ihren wahrgenommen zu werden. "Meine Freude über die neue Aufgabe hielt sich erst einmal in Grenzen", bekennt Macht.
Teil 3: Macht will bei der Neuausrichtung mitreden
Viel wird davon abhängen, ob es dem gebürtigen Stuttgarter gelingt, Porsche eine starke Machtposition unter den nunmehr zehn Konzernmarken zu erkämpfen. "Sie müssen in irgendeinem Bereich technisch führend sein. Das steigert das Ansehen bei VW", rät ein ehemaliger VW-Manager. So gelang es Audi mit seinen Aluminiumkarossen, zum Maß der Dinge in Sachen Leichtbau zu werden - und sich damit innerhalb des Konzerns viele Freiheiten zu sichern.
Bis Jahresende soll der Einstieg von Volkswagen bei Porsche vollzogen sein. Im ersten Schritt erwirbt der Dax-Konzern 49,9 Prozent der Anteile, die vollständige Übernahme ist 2011 geplant. Diesen Monat sollen die Umsetzungsverträge unterzeichnet werden, kurz darauf Winterkorn und VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch in den Vorstand der Porsche-Holding einziehen.
Spätestens dann müssen die Volkswagen-Bosse damit herausrücken, was sie mit ihrer neuen Tochter vorhaben. Bisher gibt es nichts außer ein paar vagen Hinweisen: Zwei zusätzliche Modelle hält Winterkorn für denkbar, mittelfristig soll der Absatz auf 150.000 Autos steigen. Dieses Ziel allerdings hatte Wiedekings Planung auch schon vorgesehen.
Macht hat sich vorgenommen, bei der Neuausrichtung ein gewichtiges Wort mitzureden. "Die Porsche-Leute müssen sich nicht unterordnen", sagt Macht. "Porsche bleibt Porsche." Das klingt ein wenig, als wolle er sich und den Seinen Mut machen. Groß ist die Sorge in der Zuffenhausener Belegschaft, dass als Teil eines Großkonzerns die Einzigartigkeit und das Markenimage der Sportwagen leiden könnten.
Dass dem nicht so sein muss, beweist das Beispiel Audi. Trotz - oder vielleicht gerade wegen - der Zugehörigkeit zu VW hat die Marke ihren Wert beständig gesteigert. Mit fünf Mrd. $ ist Audi heute sogar wertvoller als die künftige Schwester Porsche.
Autor/Autoren: Kristina Spiller
(c) FTD
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