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FTD: Karstadt-Beschäftigte verzichten auf 150 Millionen Euro
07.11.2009 - 19:47
Die Mitarbeiter der insolventen Warenhauskette bringen erhebliche Opfer zur Rettung ihrer Jobs. Trotzdem sind Filialen von Schließung bedroht. Und der ganze Sanierungsplan funktioniert ohnehin nur, wenn andere Beteiligte auf Geld verzichten.
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Die 28.000 Karstadt-Mitarbeiter wollen sich in den kommenden drei Jahren mit rund 150 Mio. Euro an der Rettung des insolventen Warenhauskonzerns beteiligen. Im Gegenzug sollen die Standorte so gut wie möglich gesichert werden und die Jobs weitgehend erhalten bleiben. Das gab die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Margret Mönig-Raane am Samstag nach Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Insolvenzverwaltung bekannt. Als "bittere Pille" bezeichnete sie, dass 17 der 126 Waren- und Sporthäuser von Schließung bedroht sind.
Denn noch ist der Rettungsplan nicht in trockenen Tüchern. Erst müssen die anderen Beteiligten wie Vermieter, Dienstleister und Lieferanten dem Beispiel folgen und Opfer bringen. Erklärtes Ziel der Insolvenzverwaltung ist es, das Unternehmen als Ganzes zu erhalten.
Die Vereinbarung sieht den Angaben zufolge vor, dass die Mitarbeiter für drei Jahre auf 75 Prozent ihres Weihnachtsgeldes und ihr Urlaubsgeld sowie tarifliche Vorsorgeleistungen verzichten. Mönig-Raane nannte dies einen Beitrag von etwa 50 Mio. Euro jährlich. Beschäftigte mit einem Jahresgehalt unter 18.000 Euro seien ausgenommen. Die Beiträge sollten auf ein Treuhandkonto eingezahlt werden, solange Karstadt in der Insolvenz sei.
Wesentlicher Grund dafür, dass trotz der Zugeständnisse der Mitarbeiter Filialschließungen drohen, sind die Mietzahlungen. Hunderten oder Tausenden Karstadt-Mitarbeitern könne das den Job kosten, warnte die Gewerkschafterin. Verdi wolle möglichst alle Stellen erhalten. Laut dem Karstadt-Insolvenzbeauftragten Rolf Weidmann laufen die Gespräche mit den anderen Parteien. "Es sind gute Chancen zum Überleben gegeben", sagte er. Über alles weitere werde die Gläubigerversammlung entscheiden. Diese trifft am Dienstag in Essen zusammen, um über den Insolvenzplan zu beraten.
Die "Wirtschaftswoche" berichtete, das Immobilien-Konsortium Highstreet, das zuletzt Mieteinnahmen von rund 277 Mio. Euro von Karstadt erhalten habe, sei zu Zugeständnissen bereit. Dazu gehöre etwa der Verzicht auf starre Mietsteigerungsklauseln. Ein Sprecher der Insolvenzverwaltung wollte den Bericht nicht bestätigen. Karstadt hatte im Zuge der Pleite des Mutterkonzerns Arcandor im Sommer Insolvenzantrag gestellt.
Die Angestellten der Waren- und Sporthäuser erzielten im Ringen um ihren Sanierungsbeitrag einen Erfolgt. Der Insolvenzverwalter des Gesamtkonzerns, Klaus Hubert Görg, hatte seine ursprüngliche Forderung von 115 Mio. jährlich auf 50 Mio. Euro pro Jahr zurückgeschraubt, um den ins Stocken geratenen Genesungsprozess zu beflügeln. Für den höheren Betrag sollten die Mitarbeiter Bestandsgarantien für ihre Jobs bekommen. Die konnte Görg nicht geben.
Dem Konzern rennt die Zeit davon. Zwar liefen die Geschäfte bei Karstadt nach Insiderinformationen im Oktober gut. Das Unternehmen muss aber nach den Verzögerungen durch den Streit mit den Arbeitnehmern und Querelen um die Schwesterfirma Quelle zügig saniert und verkauft werden. Dazu will Görg der Gläubigerversammlung Eckpunkte vorlegen.
Görg will versuchen, einen Interessenten zu finden, der Karstadt komplett übernimmt und nicht nur gut laufende Filialen. Der Handelskonzern Metro hatte angekündigt, maximal 60 der insgesamt 90 reinen Warenhäuser übernehmen zu wollen
Vor der Karstadt-Gläubigerversammlung am kommenden Dienstag steht am Montag zunächst die Holding-Gesellschaft Arcandor auf dem Plan des Insolvenzverwalters. Den Abschluss der dreitägien Veranstaltungen bildet am Mittwoch die Versammlung des Versandhändlers Quelle. Insgesamt war der Insolvenzverwalter von bis 75.000 Gläubigern ausgegangen, von denen voraussichtlich nur ein Bruchteil erscheinen wird. Görg dürfte nicht nur Beifall für seine Arbeit erhalten.
Als sogenannte nachrangige Gläubiger sind bei der Veranstaltung auch Aktionäre vom Gericht zugelassen worden. Viel Hoffnung auf Zahlungen können sich die Anteilseigner jedoch nicht machen. Sie würden erst dann Geld erhalten, wenn es gelingen sollte, die Forderungen aller anderen Kreditgeber zu befriedigen. Der Staat hatte Quelle mit einem dicken Millionenbetrag aus dem Steuerzahlertopf unterstützt. Die Bundesregierung erwartet das Geld zurück, ist sich aber nicht hundertprozentig sicher, dass der Betrag in die Staatskasse zurückfließt.
Keinen Zugriff mehr hat der Insolvenzverwalter auf die profitable Ex-Arcandor-Tochter Thomas Cook, deren verpfändete Anteile mittlerweile verkauft wurden. Das Essener Amtsgericht hatte die Insolvenzverfahren am 1. September eröffnet.
Während die Bemühungen zur Karstadt-Rettung noch auf Hochtouren laufen, hat der Insolvenzverwalter den Plan zum Erhalt des Arcandor-Versandhändlers Quelle vor mehr als zwei Wochen für gescheitert erklärt. Ein Investor für das Traditionsunternehmen hatte sich nicht gefunden. Rund 2000 der etwa 6000 verbliebenen Quelle-Beschäftigten wurden daraufhin bereits zum 31. Oktober freigestellt. Ein Ausverkauf besiegelt derzeit das endgültige Ende des Versandhändlers.
Um Quelle und Primondo hatten sich die Finanzinvestoren Cerberus, Golden Gate und Texas Pacific Group sowie Pamplona interessiert. Die Verhandlungen scheiterten vor allem am Geld. So habe Pamplona Quelle nur zusammen mit den Forderungen des Versenders gegen die Factoring-Banken haben wollen. Sie kaufen die Forderungen von Quelle gegen Kunden mit einem Abschlag. Wenn die Kunden gezahlt haben, geben die Banken auch den größten Teil des Abschlags weiter. Dieser Rückbehalt habe mehr als 200 Mio. Euro ausgemacht, hieß es in Finanzkreisen. Görg habe auf das Geld nicht verzichten können. Der Investor Sun, der halb öffentlich Interesse an einem Einstieg angemeldet hatte, war dagegen nicht Teil des Investorenprozesses.