20.03. 11:45 UhrDAX ® 5.982,43
-0,50%TecDAX ® 818,94
-0,60%S&P FUTURE 1.156,30
-0,47%NASDAQ FUT 1.932,25
-0,49%Service
Aktuelle Umfrage
Braucht die EU einen europäischen Währungsfonds?
finanztreff.de online
Meldung
"Der Finanzsektor schrumpft von selbst"
21.11.2009 - 13:25Von Arvid Kaiser
Während Aufseher weltweit über die Zerschlagung von Banken reden, mahnt ein großer Kritiker der Finanzbranche zur Mäßigung. Robert Shiller will die Spekulation nicht beschneiden, sondern in den Dienst der Gesellschaft stellen. Im Interview mit manager-magazin.de fordert der US-Ökonom vor allem von seiner eigenen Zunft Reformen.
mm.de: Professor Shiller, die Yale-Universität leidet darunter, dass das von Ihrem Kollegen David Swensen verwaltete Stiftungsvermögen stark schrumpft. Dabei genoss Swensen bisher einen Ruf als Investmentgenie. Stimmt die Theorie effizienter Märkte also doch, dass selbst ein Genie den Markt nicht schlagen kann?
Shiller: Ich denke nicht, dass das irgendetwas beweist. David Swensen hat über gut 15 Jahre Jahresrenditen von durchschnittlich 16 Prozent eingefahren. Ein Minusjahr von rund 25 Prozent ändert nichts an seinem bemerkenswerten Erfolg - es sei denn, es ginge so weiter. Die Idee der Markteffizienztheorie, dass niemand besser abschneiden kann als mit einer zufälligen Auswahl von Aktien, halte ich für falsch. Wer sorgfältig und intelligent anlegt, kann überdurchschnittliche Renditen einfahren, und Swensen ist ein Beispiel dafür. Die Krise zeigt aber, dass an den Finanzmärkten irrationale Blasen entstehen und platzen, was gegen die Theorie effizienter Märkte spricht.
mm.de: Wissen Sie, wie Vertreter dieser Theorie wie Eugene Fama die Krise verarbeiten?
Shiller: Eugene Fama war tatsächlich der Erfinder des Begriffs effizienter Kapitalmärkte. Andererseits arbeitet er seit Jahren für die Anlagefirma Dimensional Fund Advisors, die ihren Kunden verspricht, etwas Intelligenteres zu tun als der Durchschnitt der Marktteilnehmer. Es scheint also, dass selbst er der von Leuten wie mir vertretenen Verhaltensökonomik etwas abgewinnen kann. Fama sagte mir sogar, dass er mit dafür gesorgt habe, viele wichtige Artikel zu Behavioural Finance in akademische Zeitschriften aufzunehmen. Er ist vielleicht nicht begeistert von der Idee, dass Massenpsychologie die Märkte genauso bewegt wie Vernunft, aber er ist aufgeschlossen.
mm.de: Führt die Krise insgesamt zu einer Öffnung des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams? Nicht nur die Effizienzmarktthese steht ja schlecht da, sondern viele andere Leitsätze der Chicago-Denkschule auch.
Shiller: Die Probleme der Wirtschaftswissenschaft reichen viel weiter als bis zur Universität Chicago. Praktisch alle Fakultäten rund um die Welt hatten die Tendenz, die Vernunft der Menschen zu überschätzen. Und das verleitete uns zu vielen Fehlern; das ist ein Grund, warum es zu dieser Krise kam. Das größte Glück für einen Ökonomen ist es, zu zeigen, dass Menschen auf monetäre Anreize reagieren, auch auf perverse monetäre Anreize, und ihren Nutzen optimieren.
Ich lehne das auch nicht ab, aber es wurde bisher zu eng betrachtet. Ökonomen sehen Physiker als ihr Rollenvorbild an. Der Unterschied besteht aber darin, dass Ökonomen das Verhalten von Menschen untersuchen, was nicht so gut in einfachen Modellen zu fassen ist. Ich meine, mathematische Modelle sind nützlich als intellektuelle Übung, aber leider hat es eine Tendenz gegeben, sich von der Wirklichkeit abzuwenden.
mm.de: Und deshalb haben die meisten Ökonomen mit Ausnahmen wie Ihnen die Krise nicht kommen sehen?
Shiller: Die Quellen der Krise waren Dinge, für die sich Ökonomen nicht interessieren. In erster Linie war es Versagen der Regulierer vor allem in den USA, das zur Krise mit Subprime-Hypotheken führte. Aber die meisten Kollegen wussten nicht einmal, was Subprime-Hypotheken überhaupt sind. Dass neue Schattenbanken entstanden, die mit solchen Papieren handelten, bot keinen Stoff für intellektuell anspruchsvolle Modelle. Warum sollte man sich damit beschäftigen? Wenn ein Universitätsabsolvent vor fünf Jahren darüber geforscht hätte, hätte das seine Karriere behindert. Darüber gab es keine Konferenzen, das wurde nur als kleine Nische der Wirtschaft betrachtet. Nicht nur die Verhaltensökonomik wurde lange unterbewertet, sondern auch die Institutionenökonomik ...
mm.de: ... die in diesem Jahr mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
Shiller: Mir gefallen die Nobelpreisträger Oliver Williamson und Elinor Ostrom, Williamson stand schon lange auf meiner Literaturliste. Die Ökonomen müssen erkennen, dass unsere Institutionen viel von dem beeinflussen, was in der Wirtschaft passiert: unsere Organisationen, Gesetze, welche Geschäfte wir machen, die Art, wie Anwälte handeln ... Auch das war immer eine Art Randbewegung in der Wissenschaft. Deshalb bin ich glücklich, dass Williamson und Ostrom den Preis erhielten.
mm.de: Mit allem, was wir heute über psychologische und institutionelle Faktoren wissen, glauben Sie, dass Spekulationsblasen in der Zukunft verhindert oder eingedämmt werden können?
Shiller: Ich denke, dass die Menschen selbst die Tendenz zur Blasenbildung eindämmen. Wenn sie begreifen, dass Blasen entstehen können, werden sie nicht so leicht auf kollektive Gier und die neueste Anlagestory hereinfallen. Dafür brauchen wir keine Helden, die vor der Blase warnen. Es ist wie in der Medizin: Wir hatten lange keine Diphterieepidemie, und die Lösung ist ganz einfach, wir impfen jährlich. Je aufgeklärter wir werden, desto weniger Blasen werden wir erleben.
mm.de: Bisher scheint das nicht zu funktionieren. Die Erfahrung mit der New-Economy-Blase vor wenigen Jahren hat die Immobilienspekulation nicht verhindert.
Shiller: Ich weiß. Blasen zu verhindern, ist schwierig, weil Menschen zu stark auf ihr intuitives Urteil vertrauen. Viele bewundern auch Autoritäten wie Zentralbankchefs oder Wirtschaftsführer und vergessen dabei, dass viele dieser Leute nicht ehrlich und offen aussprechen, was sie denken - aus Angst, dieses Vertrauen zu brechen oder die Karriere zu behindern. Man spricht einfach nicht über die Möglichkeit einer neuen Großen Depression, das ist so ungehörig, wie im voll besetzten Kino "Feuer" zu rufen. All diese subtilen Faktoren machen Menschen anfällig für Blasen, also wird es wohl weiter welche geben. Das muss aber nicht sein.
mm.de: Weshalb ist denn innerhalb kurzer Zeit auf eine geplatzte Blase gleich eine so gewaltige neue gefolgt?
Shiller: Diese Blase war so schlimm, weil wir solch eine weltweite Aktien- und Immobilienblase innerhalb Menschengedenken nicht hatten, weshalb sich viele Menschen in Ruhe wiegten. Auch, weil die Theorie effizienter Märkte solch eine Macht entfaltete, sogar als erwiesene Wahrheit betrachtet wurde, dass viele dachten, Spekulationsblasen gehörten der Geschichte an. Das war gefährlich. Sogar ein Zentralbankchef wie Alan Greenspan scheute sich, das Wort Blase in den Mund zu nehmen.
Makroökonomische Theorie bildet wirtschaftliche Entwicklungen, die auf eine veränderte Denkweise zurückgehen, nicht ab - das, was mein Kollege George Akerlof und ich "Animal Spirits" nennen. Ökonomen können ihre althergebrachten Werkzeuge, die auf der Annahme rationalen Verhaltens aufbauen, nicht mehr gebrauchen, wenn das Denken der Menschen sich ändert.
mm.de: Ihr Vorschlag zur Blasenvermeidung heißt Finanzdemokratie. Was soll das bitte sein?
Shiller: Die Marktwirtschaft ist sicher eine Quelle großen Wohlstands, das wurde in den vergangenen 20 Jahren rund um die Welt entdeckt, von Russland über China bis Indien. Die Menschen begreifen, dass die Märkte gut darin sind, Wachstum zu schaffen und Risiken zu bewältigen. Gleichzeitig funktionieren dieselben Märkte aber nicht perfekt, also brauchen wir gute Regeln, die sie so gut wie möglich funktionieren lassen. Wir brauchen eine Marktwirtschaft, aber mit den richtigen Sicherungen und Regeln, die Menschen dazu bringen, echte Ideen zu entwickeln, statt andere hinters Licht zu führen. Die medizinische Forschung war lange voll von Betrug und Enttäuschung. Heute haben wir Kontrollen, zum Beispiel bei der Zulassung von Arzneimitteln, und der Wettbewerb in der Branche wirkt produktiv. Dasselbe müssen wir jetzt in der Finanzbranche tun.
mm.de: Welche Schritte sollten zuerst getan werden?
Shiller: Einiges wird ja schon unternommen. Das eine ist, das Finanzsystem stressresistenter zu machen. Die G20-Staaten haben zum Beispiel vereinbart, dass Geschäfte zur Risikoabsicherung wie Credit Default Swaps über öffentliche Börsen geschlossen werden sollen und nicht im Freiverkehr, wo sie intransparent sind und Risiken eines Zusammenbruchs verbergen können. Diesen Schritt fand ich intelligent: Nicht diese Geschäfte verbieten, sondern sie regulieren.
Ein anderes Beispiel ist der Verbraucherschutz. US-Senator Christopher Dodd hat jüngst ein Gesetz eingebracht, das eine Verbraucherschutzagentur vorsieht. Das ist Teil der Demokratisierung des Finanzsystems, wenn Finanzprodukte, die an Endkunden verkauft werden, zuerst getestet werden, ob sie ausbeuterisch oder betrügerisch sind. Die Emittenten von Wertpapieren dürfen nicht mehr gute Noten bei den Ratingagenturen einkaufen. Da lag wirklich einiges im Argen. Die Demokratisierung des Finanzwesens sollte viel revolutionärer sein als das, was bisher läuft. Ich habe vorgeschlagen, Finanzberatung für jedermann zu subventionieren.
mm.de: Staatshilfe für Verbraucherzentralen?
Shiller: Zum Beispiel. Jeder sollte einen persönlichen Berater haben, der ihn über die Jahre begleitet, keine Produkte verkauft und keine Provisionen bekommt, nur einen vom Staat bezuschussten Stundenlohn. Das ist nur eine der Ideen, wie man das Finanzwesen in den Dienst der Menschen stellen kann. Auch die vielgeschmähten Derivate würde ich nutzen, damit die breite Bevölkerung sich genauso gegen Risiken versichern kann wie die Banken es jetzt schon tun.
mm.de: Manche Ihrer Kollegen, wie Nobelpreisträger Paul Krugman, meinen, dass der Finanzsektor schrumpfen sollte, damit die Gesellschaft ihre Ressourcen in produktivere Zwecke stecken kann.
Shiller: Vielleicht schrumpft der Sektor ja von selbst. Wir haben eine Blase der Finanzwirtschaft durchgemacht auch mit absurden Gehältern in der Branche, aber über die Zeit könnte sich das von selbst berichtigen. Einige unserer Probleme haben damit zu tun, dass die Finanzmakler Anreize hatten, Anlageprodukte zu verkaufen, die nicht im Interesse der Kunden waren. Die Selbstorganisation der US-Finanzberater, FINRA, empfiehlt Brokern, die Portfolios möglichst in Ruhe zu lassen. Sie ständig umzuwühlen, ist sogar verboten.
Einige weitere Korrekturen in dieser Richtung könnten den Finanzsektor schrumpfen lassen. Ich glaube aber auch, dass die Branche wichtig ist, weil sie uns allen ökonomische Anreize setzt und auch das Risikomanagement schafft, das uns Unternehmertum ermöglicht. Grundsätzlich halte ich das Finanzwesen für eine gute Sache, die wir nicht einschränken sollten.
mm.de: Sie halten also nichts von Ideen, die großen Banken zu zerschlagen?
Shiller: Das erinnert mich an Leute, die im späten 19. Jahrhundert fragten, wozu wir all diese kleinen Läden brauchen. Vor Kurzem habe ich "Looking Backward" des amerikanischen Schriftstellers Edward Bellamy von 1888 gelesen, der feststellte: Es ist etwas faul an der modernen Wirtschaft, es gibt zu viele Läden. Wenn man die Straße entlanggeht, steht da einer neben dem anderen, alle fast identisch, und bieten Hüte, Obst oder Gemüse an. All die Verkäufer sind nicht produktiv, sie stehen bloß da und warten darauf, dass jemand kaufen will.
Aber dieses Problem ist heute behoben. Wir haben diese riesigen Supermärkte, wo man einmal auf den Parkplatz fährt und alles an einem Ort bekommt. Heute arbeiten viel weniger Menschen im Einzelhandel als damals, dafür können sie anderswo Sinnvolleres tun. Die kapitalistische Wirtschaft hat das Problem gelöst. Vielleicht erleben wir dasselbe mit dem Finanzwesen. Vielleicht sind zu viele kluge Köpfe dorthin gegangen, aber die natürlichen kapitalistischen Kräfte werden das beheben, vor allem, wenn wir den Markt mit den richtigen Regeln versehen.
Quelle: manager-magazin
Unternehmen - Alle
Seite: 12345Werbung
- Verzögerungszeiten:
- Kurs, Bid/Ask realtime
- Kurs verzögert, Bid/Ask realtime
- +15 Min.
- +20 Min. etc.
- Schlusskurs oder Spotkurs
- Hilfe
- Lexika:Börsenlexikon
- Fondslexikon
- Wissenstests:Aktien
- Fonds
- Zertifikate
- Optionsscheine
- Knock Outs





